Zum neuen Jahr

Einem uralten Brauch folgend, schneidet man am 4. Dezember, zum Namenstag der Heiligen Barbara, ein paar Zweige vom Kirschbaum und steckt sie in eine Vase. Im warmen Zimmer sollen die kahlen Zweige am Christtag zu blühen beginnen. Symbolisch steht die winterliche Blütenpracht dann für das Weihnachtswunder und wer nicht daran glaubt, kann sich noch immer glücklich schätzen, dass seine Zweige Blüten tragen.

OK, genau genommen ist das „Wunder der Natur“ eine bewusst herbeigeführte Irreführung der Natur. Quasi eine rituelle Willensbeeinflussung der Natur die darauf abzielt, dass sie sich falsch verhält. Strafrechtlich wäre damit der Tatbestand der Täuschung erfüllt. Nachdem die Menschen diese Irreführung absichtlich und sogar traditionell wiederkehrend herbeiführen, kann man auch von heimtückischer Arglist sprechen. Genaue Beobachter der Umwelt werden jetzt sagen, das ist doch etwas, was die Menschen dauernd mit der Natur machen und im Grunde genommen immer straffrei davonkommen. Die Betrugsmaschen der Umweltbetrüger sind vielfältig. Kirschbäume im Winterschlaf zu überrumpeln und zur Blüte zu nötigen, ist dabei noch relativ harmlos und überhaupt – wenn es dem Brauchtum dient! Unter dem „Decknamen“ Brauchtum passieren oft noch viel schlimmere Dinge und zunehmend wird aus historischer Bedeutung Folklorismus.

Lassen wir also Gnade vor Recht ergehen. Persönlich finde ich die typisch österreichische Version vom Barbara-Brauch antifeministisch und sexistisch. Entscheidungsschwache Mädchen mit vielen Verehrern lassen quasi das Barbara-Orakel über ihr Liebesglück im kommenden Jahr entscheiden. Sie beschriften die Zweige mit den Namen ihrer Kandidaten und der Zweig, bzw. der Freier der Blüten trägt, hat gewonnen. Heimlich, um nicht selber mit dem Hexenkult in Verbindung gebracht zu werden, habe ich heuer den Barbara-Brauch mit lyrischen Gedanken verknüpft und mit eigenen Wünschen in Verbindung gebracht, die in Erfüllung gehen sollten, wenn meine Zweiglein Blüten tragen. Es sollten drei menschliche Eigenschaften in dieser Reihenfolge mit Jahresbeginn für immer verschwinden: Dummheit, Hass und Gier. Und siehe da – es ist ein Ros‘ entsprungen! Zumindest ein Wunsch könnte 2026 vielleicht in Erfüllung gehen. Mal sehen…

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