Schwimmendes Schweizermesser
Nieten können Schiffe zusammenhalten – zweckmäßig einsetzen können sie sie nicht
Die Entwicklung im Schiffbau vom Einbaum bis zum 400-Meter-Containerschiff und bis zum 7.600 Pax-Kreuzfahrer, ist tausende Jahre alt. Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war, dass die Menschen keine Lust mehr hatten, ihren Krempel selber zu tragen und damit durch die Gegend zu laufen. Heute bilden Sherpas die Ausnahme, weil es auf den Mont Everest keine Wasserstraße gibt und Schiffe (noch) nicht fliegen können. Jedenfalls muss sich bereits der erste Einbaum als zweckdienliches Transportmittel herausgestellt haben, sonst hätte man die Entwicklung nicht bis heute fortgesetzt.
Heute wissen wir, mit Schiffen könnte man alles, in jeder Größe und in riesigen Mengen transportieren. Die Palette reicht von Menschen jeder Religion und Hautfarbe, vielfältige Tierarten, feste, flüssige und gasförmige Produkte, urschwere und federleichte Produkte, wohlriechende Blumen und stinkender Gülle, wertvolle Güter und Schrott, intelligente Stoffe und verseuchte Erde, langlebige und flüchtige Stoffe, sensible Kunstgegenstände und rohes Eisen, lebenswichtiges Trinkwasser und todbringende Chemikalien, Hilfsgüter und Kriegsmaterial, halal- oder haram Lebensmittel. Ja selbst Luft wird mit dem Schiff in rauen Mengen transportiert, weil die Verpackungsindustrie und die Verlader ihre Unfähigkeit nicht selber zahlen müssen. Man sieht also, es gibt nichts, was nicht irgendwo und irgendwann mit dem Schiff auf dem Meer, auf Flüssen, Kanälen oder Binnenseen transportiert werden könnte. Schiffe sind wie „schwimmende Schweizermesser“. Sie können alles. Manche bewegen sich langsam, manche schnell und einige gleiten sogar auf dem Wasser. Dabei ist es so, dass durchaus nicht alle Schiffe von A nach B fahren. Viele Güter werden auch nur auf dem stehenden Schiff gelagert oder über die Bordkante verkauft. Wohnen und arbeiten auf dem Schiff ist so selbstverständlich wie kommunaler Wohnbau.

Anders als in der Hochseeschifffahrt, hat jedoch die Binnenschifffahrt in den meisten Regionen ihre Zweckmäßigkeit weitgehend verloren. Da hilft auch die Multifunktionalität eines Schiffes nicht mehr. Es ist sprichwörtlich der Zug (und der LKW) abgefahren. Die Binnenschifffahrt reicht nur noch für Hochglanzbroschüren und Sonntagsreden auf diversen Symposien. Ein Binnenschiff ist sozusagen das Synonym für die Erklärung von Funktionalität und Zweckmäßigkeit. Tatsächlich sind Binnenschiffe zur Fehlfunktion degradiert – egal was sie können. Straßenfahrzeuge sind beispielsweise ein Transportgut, dass in Österreich sehr häufig transportiert und in jeder Ecke des Landes gebraucht wird.

Allein 285.000 PKW werden in Österreich neu zugelassen und einzeln importiert. Der heimische Logistikexperte Hödlmayr transportiert selber 250.000 Fahrzeuge per Bahn – aber kein einziges mit dem Binnenschiff. Doch ist es nicht so, dass das „schwimmende Schweizermesser“ das nicht könnte. Im Gegenteil! Die Wasserstraße Donau war sogar schon mal führend im internationalen PKW-Transportlogistik und es wurden auch Spezialschiffe für den Transport von LKW und Sattelauflegern gebaut und eingesetzt. Grundsätzlich gibt es diese Transportmöglichkeit mit dem Schiff noch immer, sie wird aber nicht genützt, weil es „effizientere Lösungen“ gibt. In Wien, wo praktisch die Drehscheibe für den PKW-Handel ist, hat man den ursprünglich vorhandenen Umschlag in der Hafenlogistik abgeschafft, weil es keinen Bedarf dafür gibt. Übersetzt heißt das, die Verkehrspolitik baut lieber neue Straßen und Bahntunnel, statt die vorhandene „nasse Infrastruktur“ auszulasten.

Ungeachtet dieser zweifelhaften Verkehrs- und Logistikpolitik, setzt sich die Entwicklung des Einbaums fort. Neueste Entwicklung ist ein schwimmendes „Mini-Kraftwerk“. Ein Schiff als Atomkraftwerk. Im Gefolge der neu aufflammenden Atomenergie, sollen Small Modular Reactor (SMR) zu Land und zu Wasser gebaut werden. Die Idee ist zwar nicht neu, doch mit dem zunehmenden Energiebedarf, bekommt das Projekt Rückenwind – und das Schiff ein neues Transportgut, nämlich Atomstrom.
Geht es nach dem Projektführer CORE POWER sind Floating Nuclear Power Plants (FNPPs) Teil der Lösung für Energie- und Umweltprobleme. Das „schwimmende Schweizermesser“ hat somit ein Gut mehr in der langen Funktionsliste – saubere Energie.
In diesem Fall ist aber noch nicht geklärt, ob es sich tatsächlich um ein Transportgut handelt – oder ob es vielleicht eher ein „Ungut“ ist. Güter dienen in der ökonomischen Literatur zunächst zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und wirken darüber hinaus gemeinwohlfördernd. Güter sind demnach dann „gut“, wenn sie über das Einzelwohl hinaus auch der Gemeinschaft dienen. Bei der Atomenergie streiten sich aber noch die Geister, ob es nicht ein Ungut ist, weil es zweifelsohne dem Gemeinwohl erheblich schaden kann. Ein Schiff, dass Atomenergie in einen Hafen, für eine Industrieanlage oder ein KI-Zentrum liefert, befriedigt zunächst das Einzelwohl – könnte aber im Schadensfall weit darüber hinaus für die Gemeinschaft negative Folgen haben. Man könnte an dieser Stelle zum Schluss kommen, wir haben jetzt (zumindest in der Binnenschifffahrt) einen Punkt erreicht, wo nicht nur die Funktionalität des Schiffes ausgedient hat, sondern darüber hinaus auch zweckentfremdet verwendet wird. Genauso, wie ein Sandler den Einkaufswagen zweckentfremdet. Allerdings erleben wir gerade einen zunehmenden Machiavellismus, wo bekanntlich der Zweck die Mittel heiligt. Zum Glück ist der Mensch gottgewollter Zweck an sich. Da fährt sozusagen die Eisenbahn drüber. Sonst hätte man das menschliche Wesen inzwischen schon für zwecklos und zum Ungut erklärt.









