Schön + gut = wahr
Der philosophische Ansatz zur Schönheit, hat in der Wirtschaft und in der Politik wenig Bedeutung. Da rechnet man eher damit, dass die Hässlichkeit bei den Menschen einen ästhetischen Reiz ausübt. Leider liegt man mit dieser Annahme nicht ganz falsch. Das kann man an jeder Ecke im Land sehen. Aus sozialästhetischer Sicht kann das nicht gesund sein.
Der regionale Ausbau der Stromnetzinfrastruktur mit 380/110 kV Leitungen ist Teil des kontinentaleuropäischen Übertragungsnetzes, um das Übertragungs- und Verteilnetz mit elektrischer Energie zukunftsfit zu machen und mit Distributed Energy (DE) soll die CO2-Neutralität bis 2050 erreicht werden. Dafür sind Infrastrukturmaßnahmen von europäischer Dimension bis hinunter auf Gemeinde-Ebene notwendig, die man ohne Übertreibung als gigantisch bezeichnen kann. Neben Schalt- und Umspannwerken, sind auch neue Freileitungen erforderlich und das alles mit leistungsfähiger Straßeninfrastruktur. Freileitungsmasten, die Aufhängevorrichtungen einer unterschiedlichen Anzahl an Freileitungen, stehen in Abständen von 300-500 Meter auseinander. Dafür müssen Freiräume auch dort geschaffen werden, wo Bäume im Weg stehen und nicht selten sind auch Siedlungsräume betroffen.

Diese Stahlgitterkonstruktionen sind mit den ursprünglichen Holzmasten, die etwa 30 Meter hoch sind, nicht mehr zu vergleichen. Wir reden hier von Masten, die 90 Meter und mehr hoch sind und deren Querträger eine Breite von fast 40 Metern erreichen. In Kärnten wird die Trasse fast 200 Kilometer lang sein und einer Autobahn gleich, das Land durchschneiden. Das gesamteuropäische Vorhaben und die Generalplanung auf Unionsniveau garantieren, dass der Ausbau der Stromnetzinfrastruktur den Status „gemeinsames Interesse“ besitzt – ein Faktum, dass noch nicht bei allen Bürgerinitiativen, die Vorbehalte gegen den Ausbau haben, angekommen ist. Denn der besondere Status schließt aus, dass der Ausbau verhindert werden kann. Bestenfalls kann an kleinen Schrauben gedreht werden. Mit dem Netzausbau in Kärnten, sind die ebenfalls europäischen Projekte Obersielach (AT) – Podlog (SI) und Lienz (A) – Veneto (IT) verwand. Die gemeinschaftliche Planung und regionale Umsetzung ist vereinheitlicht und beruht auf europäischen Regeln. Die nationalen Netzbetreiber sind in europäischen Konsortien Pflichtmitglieder, wo beispielsweise im „European Network of Transmission System Operators“ (ENTSO) die Projekte erstellt und aktualisiert werden. In dieser gemeinsamen und vereinheitlichten Planung werden auch die Auswirkungen auf Menschen und Umwelt berücksichtigt. Die Gesundheitsauswirkungen finden dabei breiten Raum – aber nicht umfassend.

Die Ästhetik, wie die Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und welchen Einfluss sie auf ihre geistige und körperliche Gesundheit hat, das findet in europäischen Projekten nicht statt – obwohl die europäische Gesundheitspolitik konkret darauf abzielt, ihre Bürgerinnen und Bürger zu schützen und ihre Gesundheit präventiv zu fördern. Einen besonderen Schwerpunkt legt die europäische Gesundheitspolitik auf den Bereich der psychischen Gesundheit, weil man besonders da Handlungsbedarf erkannt hat. 2023 wurde die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden vor dem Hintergrund der hohen psychischen Gesundheitsprobleme in der EU, sogar in den Vordergrund gerückt. Ausdrücklich stellt die europäische Gesundheitspolitik fest, dass die psychische Gesundheit ein integraler Bestandteil der Gesundheit von Menschen und die Voraussetzung für eine resiliente Gesellschaft und eine produktive Wirtschaft sind. Doch es blieb bisher, wie so oft, bei Lippenbekenntnissen und die praktische Umsetzung lässt auf sich warten.

„Ganz schön gesund“, so heißt es in der Werbung bei der Kosmetikindustrie, die längst erkannt hat, wie die eigene Wahrnehmung das Leben förmlich völlig verändern kann. Die „Schönheitschirurgie“ in der ästhetischen Medizin zielt genau auf den vorbeugenden Schutz der Gesundheit ab und in bestimmten Fällen, wenn zum Beispiel eine psychische Belastung vorliegt, trägt die Krankenversicherung sogar die Kosten für die „Verschönerung“. Was die Kosmetikindustrie und die Medizin für ihr Geschäft nützt, findet in der Energieindustrie nicht statt. Es scheint so, als hätte man generell in der Energiepolitik erkannt, dass die Menschen mehrheitlich sowieso unter dem Paradox der Hässlichkeit leiden und es völlig egal ist, ob ihr unmittelbares Umfeld schön oder hässlich ist. Die Kommunalpolitik nützt das sogar ganz bewusst aus und „fördert“ hässliche Orte. Vielleicht damit empfindungslose Menschen segregiert werden können? Niemand würde auf die Idee kommen, eine 380 kV-Leitung über ein Chaletdorf zu führen. Über eine dörfliche Wohnstruktur mit Kindergarten und Schule, die sowieso bereits mehrfach belastet ist, schon. Umgekehrt, im Vergleich mit der Schönheitschirurgie, könnte eine Bürgermeisterin ihre Gemeinde zuerst „schön“ machen und sie dann als „Gesunde Gemeinde“ besser verkaufen. Ebenso könnte die Energiepolitik in Wahrnehmung der europäischen Gesundheitspolitik darauf achten, dass sie die Umwelt der Bürgerinnen und Bürger nicht verschandelt, damit die Menschen gesund und produktiv bleiben. Stattdessen wird aktuell sogar die unmittelbare Wohnumgebung mit brachialer Gewalt und beispielloser Achtlosigkeit zum „Tatort“ gemacht, weil der Umweltmediziner sagt, man gewöhnt sich daran. Dabei muss den „Tätern“ klar sein, ein bestialisch ermordetes Landschaftsbild hat gesundheitliche Folgen für die Anrainer. Betroffenen Personen bleibt nichts anderes übrig, als dass sie zum Schutz ihrer Gesundheit absiedeln oder wenigstens oft mit einem „schönen“ Auto in einen „schönen“ Urlaub fahren. Es gibt nur leider keinen „Urlaub auf Krankenschein“.

Die Sozialästhetik forscht auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit und beruft sich dabei auf die WHO-Definition von Gesundheit, wonach diese nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als völliges körperliches, psychisches und soziales Wohlsein definiert wird. Aber der „Kaspanaze-Effekt“ hat sich auch nach jahrelanger Bemühung noch nicht eingestellt. Michael Musalek, Vorstand am Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität, hat diagnostiziert, „wir haben das Schöne aus den Augen verloren“ und er empfiehlt so quasi als Therapie, wir sollten uns beständig auf die Suche nach dem Schönen begeben. Leichter gesagt, als getan. Als sozialästhetischer Imperativ wählt Musalek: „Lebe dein Leben so, dass es schön für dich ist, aber nicht nur für dich, sondern auch für die anderen…“ Ein Semester (vielleicht auf Krankenschein) bei Prof. Musalek, sollte Pflicht für umweltmedizinische Gutachter und alle Stakeholder der Energiewirtschaft sein, damit sozialästhetisches Denken im Alltagsgeschäft einfließen kann und damit Energieexperten und Politiker erfahren, wann die Akzeptanz ihrer Arbeit bei den Menschen positiv ankommt.

Der österreichische Energie-Netzbetreiber APG hat zumindest erkannt, dass ihre Performance bei der Bevölkerung im Keller ist und man hat schon beschlossen, das zu verbessern. Eines der zentralen Probleme von Freileitungen aus gesundheitlicher Sicht, sind die gigantischen Masten und ihre ästhetische Wahrnehmung. Insbesondere dann, wenn sie ständig im Blickfeld der Wohnumgebung stehen und sich die lästigen Anrainer partout nicht daran gewöhnen wollen. Die APG hat und wird mit den herkömmlichen Masten den gewünschten positiven Effekt auf die Akzeptanz der Öffentlichkeit nicht erreichen. Eine Lösung sieht die APG daher in der Design-Änderung bei den Masten. Das Ergebnis heißt „Austrian Power Giants“ und ist jedenfalls beispielgebend für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die technisch und vom Design her überzeugt. Jedes Bundesland soll quasi als Energie-Wahrzeichen, einen tierinspirierten Strommasten bekommen, der zwar die notwendigen technischen Anforderungen erfüllt, aber dennoch die ästhetische Wahrnehmung entscheidend verbessert. 2025 wurde das Projekt mit dem Red Dot Award ausgezeichnet und könnte die Art und Weise, wie Infrastruktur bisher verstanden wurde, maßgeblich verbessern. Ein positiver Effekt könnte auch sein, dass generell ein Umdenken bei Gutachtern stattfindet und die Einbindung der Sozialästhetik in der Infrastrukturpolitik erfolgt. Trotz dieser innovativen Bemühung bleiben andere Umwelt- und Gesundheitsbedenken beim Energie-Netzausbau offen und müssen sachverständig geklärt werden. Schönheit ist jedenfalls kein Luxus, hat ZIP 2-Moderator Tarek Leitner erklärt und in seiner „Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“, mehr Mut zur Schönheit gefordert. Leitner meint auch, dass wir schon alle Lebensbereiche ökonomisiert haben und dass wir uns die Schönheit um ein paar Cent abkaufen lassen. Das sollten sich besonders die Bürgermeister und Grundstücksbesitzer hinter die Ohren schreiben, denn wo es schirch ist, bleibt es schirch – und ungesund.









