Rabattmarkerl-Folter

In Geschichtsbüchern kann man noch nachlesen, wo sich die mittelalterlichen Folterstätten und Hinrichtungsplätze befanden, an denen dem „Recht und der Gerechtigkeit“ zum Durchbruch verholfen wurde. Wird man in 200 Jahren die „Richtplätze“ des 21. Jahrhunderts noch kennen?

HiAP Rabattmarkerlkarte

Das großartige Foltermuseum auf der Kärntner Burg Sommeregg in Seeboden am Millstätter See, hat die Geschichte der Folter wissenschaftlich aufgearbeitet und anhand originalgetreuer Exponate von der Antike bis in die frühe Neuzeit dargestellt. Dabei hat man wirklich keine „innovative“ Foltertechnik ausgelassen. Das „Gottesurteil“ am glühenden Rost, wo die Menschen praktisch wie ein Steak am Griller gebraten wurden. Rädern, die Spanische Garotte, Würgepfahl, Guillotine, die Folterbirne der Dominikaner, das Fallbrett, Brandmarkung, Schandmantel, Schraubstiefel, Daumenschrauben, Streckbank, Prangerkäfig, Storch, Halseisen, Ketzergabel, die Eiserne Jungfrau, Schädelpresse oder pommersche Mütze, Wasserfolter, Streckleiter und natürlich der Scheiterhaufen. Mildere Strafen wie die Schandgeige für streitsüchtige Frauen, Schandmasken, die Schandflöte für schlechte Musiker finden ebenso schaurige Präsentation.

Mit dem Folterinstrument „Judaswiege“ wurden die Opfer gedemütigt und bis zum Tod gefoltert.
Bild: Peter Baumgartner

Über die Jahrhunderte lässt sich bei der Folter ein auffällig einheitliches Muster erkennen. Es sind immer staatliche Organisationen, öffentliche Instanzen und die zeitliche Gerichtsbarkeit, die Folter anordnen und unter dem Titel „Ermittlungen“ auch ausführt. Schon in vorchristlicher Zeit wurde nach römischem Recht gefoltert. Die kaiserlichen Erlässe zur Folter autorisierten zum Beispiel unter Nero die Folterknechte. Unter Karl V. galt die „Peinliche Gerichtsbarkeit“, die genauso die Folter vorsah, wie das germanische Recht im Mittelalter. Unter Maria Theresia und Joseph II wurde bis 1776 ebenfalls gefoltert. Nicht zu vergessen die erzieherischen Foltermethoden in der Schule bis in die jüngere Vergangenheit, etwa in Form von Scheit-Knien, Rutenhiebe und Kopfnüsse.

Die Museumsleitung auf der Burg Sommeregg versteht unter Folter Handlungen, die einem Menschen auf Anordnung einer Behörde, körperliche Schmerzen zufügen, um den Gefolterten zum Sprechen zu bringen. Die UN-Antifolterkonvention (CAT) geht darüber hinaus und nennt neben körperlichen, auch seelische Schmerzen als Folter, wenn diese von Amtspersonen nur zum Zweck der Diskriminierung oder Einschüchterung passieren. Majestätsverbrechen (crimen majestatis), die Macht des Kaisers zu bezweifeln, war schon bei den Römern ein Foltergrund. Ebenso wie das „falsche“ Glaubensbekenntnis. Im Unterschied zum ursprünglichen Foltergedanken, wurden die Rechte Einzelner im Faschismus und Kommunismus schon einer „höheren Idee“ untergeordnet und die Staatsinteressen über der körperlichen Unversehrtheit verortet. Damit kam man dem heute üblichen Folterzweck schon sehr nahe.

Beim „Gottesurteil“ sollte der Gefolterte auf dem glühenden Gitterrost seine Unschuld beweisen.
Bild: Peter Baumgartner

2026 wurde die historische Dokumentation auf der Burg Sommeregg durch eine Sonderausstellung unter dem Titel „Folter im 21. Jahrhundert – Die Menschheit hat aus der Geschichte nichts gelernt“, erweitert. In dieser Sonderausstellung folgt die Museumleitung allerdings nicht vollständig dem ursprünglichen Anspruch der wissenschaftlichen und umfassenden Aufklärung über die Folter. Zu sehen sind die bekannten und medial überlieferten Folterpraktiken der üblichen Verdächtigen von Nordkorea bis Syrien, Russland, Iran, Algerien, China, Brasilien und sogar USA, wo bekanntlich die CIA mit Genehmigung der Justitz, grausam gefoltert hat. Was die Sonderausstellung nicht zeigt ist, dass der Wille und die Bereitschaft zur Folter auch in westeuropäischen Staaten immer wieder thematisiert wurde und wird. So wurde und wird zum Beispiel in Deutschland noch immer über die „Rettungsfolter“ als legitimes Rechtsmittel nachgedacht. Das Lobotomisieren ist noch immer „Forschungsmaterial“. In Österreich stellt sich 250 Jahre nach Abschaffung der Folter die Frage, ob sie sich vielleicht in einer anderen Form weiterentwickelt und verwurzelt hat. Dokumentiert sind zum Beispiel Fälle von Polizeigewalt. Was nicht thematisiert wird, ist eine bestimmte Form der Folter, die man als Folter im vierten Grad und als „Rabattmarkerl-Folter“ bezeichnen kann.

Die Hexenverfolgung und ihr Ende am Scheiterhaufen wurden in Österreich bis 1680 durchgeführt.
Bild: Peter Baumgartner

Teilte man die Folter ursprünglich allgemein in drei Grade, leicht – mittel und schwere Folter ein, so könnte man die heute üblichen Foltermethode in vielen Ländern und so auch in Österreich, im vierten Grad als „andauernde Foltermethoden“ bezeichnen, wobei der Folterzweck nicht mehr auf das Erpressen von Aussagen beruht, sondern einfach nur eine zeitabhängige Zerstörung der physischen und psychischen Gesundheit zur Folge hat. Diese moderne Tortur ist somit klinisch sauber und keine rituelle Folter mehr. Die Folterknechte „operieren“ praktisch am „freien“ Menschen. Die Methoden und Instrumente stammen aus der Pharmaindustrie, der Wirtschaft allgemein, der Technik, der Psychologie und der Physiologie. Typisch für diese Folterknechte ist, dass sie wie ihre historischen Vorgänger behaupten, das Beste für die Gesellschaft zu tun. Und sie sind dabei ebenso effektiv, wie ihre mittelalterlichen Vorbilder. Die Zwangssterilisation ist heute zwar nicht mehr erlaubt, aber es besteht kein Zweifel darüber, dass gewisse, bewusst herbeigeführte Umwelteinflüsse die Zeugung beeinträchtigen und unfruchtbar machen. Zweifellos und sogar mit medialer Unterstützung werden Menschen stigmatisiert, ihrer Identität beraubt, entwürdigt und schleichend entwurzelt. Gleichzeitig wird eine normopathische Gesellschaft erschaffen, die sich selber vernichtet.

Wir stecken heute wie damals Odysseus im Dilemma, zwischen Skylla und Charybdis durchsegeln zu müssen. Seine Mannschaft hat es nicht überlebt.

Jeder Mensch hat so etwas wie eine Rabattmarkerkarte, wo er im negativen Sinn Marken draufpickt, erklärte der ehemalige österreichische Gesundheitsminister Franz Kreuzer, wie es zu schweren Erkrankungen kommt (Beilage). Wenn die Karte voll ist, hat man zum Beispiel Krebs. Kreuzer wollte damit zum Ausdruck bringen, dass das langsame, aber stetige Beeinträchtigen der Gesundheit durch unterschiedliche Ereignisse schlussendlich letal wirkt. Solche Ereignisse mit letalem Potential, durch die aktuell viele Menschen gleichzeitig „gefoltert“ werden sind zum Beispiel der Hitzestress, Lärm, chemische Belastungen in den Nahrungsmitteln und im Trinkwasser, Pestizide, Luftverschmutzung, Mikroplastik, PFAS, Feinstaub, Asbest, psychische Überlastung und Keimbelastung. All diese „Foltermethoden“ haben gemeinsam, dass sie wie Hexenverbrennung, Wasserfolter und Streckbank, von öffentlichen Instanzen und deren Gerichtsbarkeit befürwortet und sogar mit „Bescheid“ genehmigt werden. Die Europäische Union führt sogar eine Statistik über die dabei auftretenden Opferzahlen: „Jedes Jahr sterben in Europa Hunderttausende Menschen vorzeitig, weil sie Schadstoffkonzentrationen ausgesetzt waren, die über den von der WHO empfohlenen Werten lagen.“ 182.000 Todesfälle durch Feinstaub – 34.000 Todesfälle durch Stickstoffdioxid – 63.000 Todesfälle durch Ozon (Consilium Europa). 70.000 Menschen sterben jedes Jahr in der EU an den Folgen einer Asbestexposition (EU-Parlament) und 80.000 Tote wegen Exposition gegenüber Karzinogenen am Arbeitsplatz (EU-OSHA). Im Vergleich dazu: Insgesamt wurden in Europa bei der Hexenverfolgung geschätzt 100.000 Hexen hingerichtet.


Leserbrief „Rabattmarkerl-Folter“ – 25.8.2026

Petrus Dreesen/Klein St. Paul

Meiner Meinung nach ist der Grund einfach: An kranken Menschen verdienen „Mediziner“ viel Geld, an gesunden wenig. Da kommen manchem wohl nicht-hippokratische Gedanken. Dieses Geld wird von den Gesunden aufgebracht (bis sie pleite sind) das System stößt bald an seine Grenzen. Aber ein bisschen geht immer noch, wie die Gesundheitskosten in den USA oder der Schweiz zeigen. Also reden wir darüber, wie die Einnahmen gesichert bleiben. Nicht darüber, wie Menschen gesund bleiben. Oder sehe ich das falsch?

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