Plastikrepublik Deutschland

„Besser Plastik im Hoden, als im Hirn“. Das war die medizinische Diagnose von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (ZDF-Heute Show Spezial/14.8.2026). Die Äußerung würde sich wohl besser als Ärzte-Witz eignen.

Die „Heute SHOW SPEZIAL“, mit ihrem Ensemble Lutz van der Horst und Fabian Köster, firmiert im ZDF unter Satire und lustig. Man könnte es aber auch schwarzen Humor bezeichnen, der bestenfalls zum Nachdenken provoziert und Diskussionen anregt. Nicht lustig war zum Beispiel die Sendung, wo es um das Thema Plastikverpackung und Plastikmüll ging. Angeblich ist Deutschland in dieser Disziplin Europameister und leuchtendes Beispiel dafür, wie man mit der Umwelt keinesfalls umgehen soll. Trotzdem bemühten sich Lutz und Fabian dem Sprichwort „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, zum Recht zu verhelfen. Experten sagen ja tatsächlich, Humor ist ganz wichtig. Ist er doch der einzige Schutz gegen Wahnsinn. Die Frage ist nur, ändert sich etwas, wenn man sich über wahnsinnig machende Umstände lustig macht? Die Antwort ist eindeutig nein – aber man wird wenigstens nicht wahnsinnig.

Deutschland wird wegen des hohen Plastikverbrauchs als „Plastikrepublik“ bezeichnet. Doch auch in Österreich bemüht man sich redlich, um an die Müllspitze zu kommen. Doch leider nimmt die Kleinkunst hierzulande keine Notiz davon.
Bild: Peter Baumgartner

Die „Humorexpertin“ Eva Ullmann, stammt zum Beispiel aus dem DDR-Ruhrpott und obwohl die meisten Menschen Bitterfeld mit einem Totenkopf assoziieren, ist ausgerechnet Ullmann zur gefragten Sachverständigen für Humor geworden. Man sieht, es gibt einen Zusammenhang zwischen Angst, Sorge und Humor. Außerdem wusste der Soziologe Steven Lukes zu erklären, dass Witze eine Art von Widerstand gegen die Macht sind. Auch das weiß man schon lange als allgemeine Gültigkeit, stammen die besten Witze doch auch Ländern mit totalitären Regimen. Nietzsche hat es so formuliert, dass die Menschen Lachen nur erfunden haben, weil sie so viel leiden. Damit ist also erklärt, warum ein so tragisches Thema wie die Zerstörung der Umwelt, ausgerechnet in einer Satiresendung ausführlich besprochen und in den Hauptnachrichten höchsten kurz erwähnt wird. Köster und van der Horst haben bereits den Publikumspreis der Deutschen Umwelthilfe erworben, womit zumindest ihre Umweltkompetenz belegt wurde und vielleicht wissen gerade sie, dass ihre Zuseher den schweren Tabak nur ertragen können, wenn er mit viel Humor verabreicht wird.

Kein Witz: Mit der Wiederverwertung von Plastik, hat sich Österreich bereits international einen Namen gemacht und arbeitet emsig daran, die Müllproduktion nicht zu verringern, sondern eine Müllindustrie aufzubauen.
Bild: Peter Baumgartner

Da soll noch einer sagen, „Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen“. Mark Twain kannte 1878 die deutschen Umweltprobleme noch nicht. Die Interviewpartner in der ZDF-„Plastik-Show“ kannten die Probleme hingegen sehr genau, waren es doch alles aktive Politikerinnen, die das Desaster zum Teil sogar selber ausgedacht und mitgetragen haben. Sie fanden ihre satirische Bloßstellung dennoch unheimlich lustig. „Trennen Sie Müll“, wollte Köster von den Politikerinnen wissen. Nein, sagte der Linke Abgeordnete Dr. Dietmar Bartsch mit einem breiten Grinsen. Karl Lauterbach von der SPD und ehemaliger Gesundheitsminister war von der Frage genervt: Trennen? – Jjjaaa (mit gekreuzten Fingern in der Hosentasche), machen wir mal weiter – so suchte er den Fluchtweg aus der peinlichen Befragung. Ein ganz spezielles Verständnis von Mülltrennung zeigte Paul Zimiak von der CDU: „Bei meiner Sommertour im Wahlkreis begleitete ich die Müllabfuhr bei einer Schicht…“, war seine Antwort. Und den Vogel abgeschossen hat die Grüne Abgeordnete Katharina Dröge mit dem freimütigen Bekenntnis: „Ich bin da tatsächlich extrem schlecht bei der Mülltrennung“. Auch sie fand ihre „Kompetenz“ sehr, sehr lustig. Zwischendurch durfte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder mit einem Schenkelklopfen verkünden, dass er jeden Morgen mit dem „scheiß Schraubverschluss“ auf seiner Cola-Flasche kämpft – was wiederum den Umweltberater der EU Helmut Maurer wunderte, weil er aus seiner Erfahrung weiß, dass Schimpansen mit dem Schraubverschluss ganz gut umgehen können.

Kurt Tucholsky hätte die Umweltkompetenz der deutschen Politelite nicht besser auf den Punkt bringen können. Vielleicht wollte Fabian Köster deshalb einen Verbesserungsvorschlag „aus dem Volk“ machen: „Aber ist es nicht besser, so wenig Müll wie möglich zu produzieren?“ Katharina Dröge, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen fand, „das ist eine gute Idee“ (und lachte herzhaft). Sie war ja schon 2013 im Umweltministerium tätig und weiß, was die Industrie gar nicht brauchen kann – weniger Müll. Deshalb konnte sie auch auf eine andere Köster-Frage kompetent parieren: „Das Verbrennen von Müll wurde als klimafreundlich eingestuft, obwohl es mehr Emissionen freisetzt als Erdgas. Wer zum Teufel ist dafür verantwortlich?“ „Also, naja. Ich habe da ja mitregiert“, gab Dröge belustigt zu. Als der Grüne Robert Habeck seine Duftnoten in der deutschen Umweltpolitik verteilt hat, war die Umweltexpertin Dröge nämlich an seiner Seite. Dröge ging es damals darum, die Wärme zu nutzen, die eh schon da war, nannte sie als Erklärung. Ist auch wirklich schwer etwas dagegen zu halten. „Ganz oder gar nicht, keine halben Sachen machen“, eine typisch deutsche Lebenseinstellung, die für alle Lebenslagen Gültigkeit hat – selbst wenn es ein völliger Schwachsinn ist. Was die Polit-Elite nicht weiß, oder einfach ignoriert: Desillusion führt zur Resignation. Wenn die Wähler zum Beispiel erkennen, dass die Politik nicht lernfähig ist, entsteht ein Volk aus lauter Nihilisten, die alles verneinen. Ist das der politische Wille?

Die Geschäftsgrundlage der „innovativen“ Müllindustrie ist, dass der Nachschub nicht abreißt. Nur wo die gesetzlichen Grundlagen die Müllproduktion erleichtern, floriert die Müllindustrie. Dafür ist in Österreich das Umweltministerium zuständig (Achtung, keine Satire). Bild: Peter Baumgartner

Was unterscheidet den deutsch-satirischen Zugang zur Umweltvernichtung im Vergleich mit Österreichs Spaßbühnen? Zumindest das kann man ganz eindeutig beantworten. Die österreichische Spaß-Szene beschäftigt sich erst gar nicht mit Umweltproblemen. Dabei hätte sich zum Beispiel die Plastik-Politsatire um die Aktion „Pfiat di Sackerl“ der ehemaligen Nachhaltigkeitsministerin Köstinger gut für die Spaßbühne geeignet. Köstinger hat aus der Vermeidungsaktion flugs eine Vermehrungsaktion gemacht, die der Verpackungsindustrie regelrecht Flügel verliehen hat und den Konsumenten täglich viel Geld kostet. Während für die deutsche Kleinkunst-Szene das Klimakabarett bereits ein eigenes Genre ist, dominieren hierzulande auf den Satirebühnen Gesellschaftsfragen wie Sex im Alter oder Kabarettisten auf dem Selbstfindungstrip. Spaßbefreit sudern über Gott und die Welt, das können österreichische Kleinkünstler allerdings wesentlich besser als ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen. Fast könnte man meinen, alpenländische Kleinkünstler haben einen Sponsor-Vertrag mit der Müllindustrie abgeschlossen.

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