Krebsalarm: Wir sind noch einmal davongekommen…
…andere nicht. Die industrielle Freisetzung von Substanzen, die der menschlichen Gesundheit, dem Klima und der Umwelt schaden, wird von der Landesregierung und ihren „Schwachverständigen“ per Bescheid festgelegt. Das nennt man Industriepolitik und die entscheidet auch in Personalunion über die Gesundheitspolitik.
Der Kärntner BÜRGERSCHUTZVEREIN mit Präsident Robert Graf, fordert volle Transparenz bei den Krebsdaten in Kärnten und erwartet am 14. April einen positiven Bescheid in der Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Allerdings wurde diese Forderung, Informationsfreiheit hin oder her, von der Kärntner Landesregierung und vom Kärntner Landesverwaltungsgericht in den letzten Jahren schon mehrfach mit der Begründung abgelehnt, dass es diese Daten zwar bei der Statistik Austria gibt, aber nicht in der Landesregierung – und die braucht sie auch nicht. Was nicht da ist, muss man ich nicht herausgeben, lautet folglich die juristisch bestätigte Rechtsauffassung der Landesregierung. Primarius Wolfgang Raunik als Vorstand am Institut für Strahlentherapie/Radioonkologie am Klinikum Klagenfurt betonte 2018 aber ausdrücklich, man könne mit dem Kärntner Tumorregister einzelne Regionen und sogar Gemeinden genau betrachten.
Die neuerliche Forderung wird die zuständige Gesundheitsreferentin Beate Prettner daher wundern, denn nach ihrer Darstellung hat Kärnten seit 1986 sowieso ein „hervorragendes“ Tumorregister, dessen Datenqualität im „internationalen Spitzenfeld“ angesiedelt ist. Auch im Landtag hat sich Landesrätin Prettner schon 2022 verwundert gezeigt, weil die FPÖ eine Enquete zum Thema „Krebsvorsorge in Kärnten“ (7.7.2022) mit der Begründung beantragt hat, dass das Risiko an Krebs zu erkranken, im Bundesländer Vergleich in Kärnten am höchsten ist. Obwohl diese Aussage auf Daten der Statistik Austria zurückgeführt wurde, unterstellte die Gesundheitsreferentin der FPÖ „Panikmache“. Statistiken, hat die Medizinerin der FPÖ erklärt, liegen im Auge der Betrachter und haben ein weites Spektrum der Interpretation. Womit zumindest dokumentiert ist, Kärnten hat eine äußerst talentierte Landesrätin. Sie kennt sich nicht nur in der Medizin aus, sondern ist auch Statistikexpertin. Die FPÖ ließ sich dennoch nicht überzeugen. „Wir vertrauen der Gesundheitsreferentin schon lange nicht“, war die Reaktion der Oppositionsführung (25.9.25). Deren Diagnose ganz allgemein lautet, Kärnten hat kein Gesundheitssystem, sondern ein Krankheitssystem.

Schon 2014 veröffentlichte Die Presse einen Bericht ihres Redakteurs Andreas Wetz, wonach Kärnten laut Statistik Austria die höchsten Krebs-Neuerkrankungen in Österreich habe. Besonders auffällig waren die Daten im Jahresdurchschnitt zwischen 2009-2011 für den Bezirk St. Veit, wo drei Jahre später das HCB-Desaster im Görtschitztal für bundesweite Aufruhr sorgte. Aufgeschreckt durch diesen Medienbericht, hat die MedUni-Wien mit dem bekannten Medfluencer Hans-Peter Hutter eine eigene Studie erstellt und die Krebserkrankungen in einem „österreichischen Alpental“ (Görtschitztal) untersucht. Untersucht wurden dabei Daten aus dem Zeitraum 1983-2012 und schlau festgestellt, dass die – zwar teils auffälligen Daten, mit dem HCB-Desaster nichts zu tun haben können, weil das ja erst 2014 bekannt wurde.
In ihrer Studie kritisierte die MedUni-Wien aber den Medienbericht von 2014 scharf und machte ihn dafür verantwortlich, dass im Landkreis St. Veit/Glan „weit verbreitete Bedenken hinsichtlich eines potentiell erhöhten Krebsrisikos“ entstanden sind. Der Medienbericht (Die Presse/18.12.2014) sei sogar geeignet, „chronisch psychischen Stress“ zu verursachen, so die Wissenschaftler. Allerdings kam auch die MedUni zum Schluss, dass tumorspezifische Vorfallshäufigkeitsunterschiede in ihrem Untersuchungszeitraum auf weitere umweltkrebserregende Einflüsse im Landkreis St. Veit/Glan hindeuten.
Zusammenfassend könnte man also den Schluss ziehen, der Bezirk St. Veit/Glan zeigt von Experten mehrfach bestätigt, seit vielen Jahren auffällige Krebsdaten – aber niemand kennt die Ursachen, oder will sie nicht kennen und die Vertreter der Medien sollten gefälligst durch ihre Berichte dazu beitragen, dass die Bevölkerung das auch nicht erfährt. Der FPÖ-Klubobmann Christian Leyroutz ging 2014 sogar so weit zu behaupten, dass jede Analyse über die Ursachen „in den Schubladen der Sanitätsbehörde verschwindet“. Widersprochen wurden dem nicht, aber 2018 veröffentlichte die Gesundheitsreferentin Beate Prettner selber einen Tumorbericht für Kärnten und stellte einen „alarmierenden Anstieg beim Lungenkrebs“ fest.

Noch 2023 erklärte Prettner in einer Anfragebeantwortung unter Berufung auf die MedUni-Wien (Umwelthygiene/Michael Kundi) an den Abgeordneten Gerhard Köfer (TK), dass bereits 2014 ein erhöhtes Krebsrisiko durch HCB „ausgeschlossen wurde“. Anscheinend schätzt man es in der Landesregierung nicht, wenn extern „blöde Fragen“ gestellt werden. Überhaupt scheint die Kritikfähigkeit in der Landesregierung gegen Null zu tendieren. Das zeigte sich auch bei der Enquete im Landtag zum Thema „Krebsvorsorge in Kärnten“ (7.7.2022), wo eine sachliche Kritik des renommierten Krebsexperten Dr. Gerfried Lexer sofort einen Ordnungsruf zur Folge hatte.
Menschen sind Luftfilter auf zwei Beinen. Wir „filtern“ 360 Liter Luft pro Stunde. Doch nicht alles, was in der eingeatmeten Luft ist, kommt auch wieder heraus. Vieles bleibt im „Filter“ hängen – bis der Arzt kommt.
Nun gibt es eine neue, anonyme und noch nicht veröffentlichte Studie zur Krebsinzidenz und -sterblichkeit, Krebsprävalenz und Gesamtmortalität im „Alpental“ Görtschitztal/Bezirk St. Veit an der Glan für den Zeitraum 2000 – 2023. Weil im Görtschitztal jedenfalls krebserregende Stoffe vorhanden sind, kommt die Studie zum Ergebnis, dass die Görtschitztaler tatsächlich einem deutlich höheren Krebsrisiko ausgesetzt sein könnten, als der Rest von Österreich und man erwartet, dass die sozialen Kosten deshalb alarmierend ansteigen werden. Trotz Fortschritte in der medizinischen Versorgung und Prävention, ist mit keinem Rückgang der Krebserkrankungen zu rechnen. Dies wird auch von der Statistik Austria bestätigt. Dort geht man davon aus, dass die Krebsneuerkrankungen auf Basis 2023 bis 2045 um 21,6 Prozent zunehmen wird. Ob die neue „Alpental-Studie“, oder ein allfällig positiver Bescheid des BVwG eine Änderung der Kärntner Gesundheitspolitik herbeiführen kann, darf bezweifelt werden.
„Verlorenes Paradies“ sang Vicky Leandros bereits 1982 und fragte nach, wer die Welt zerstören ließ, warum der Fisch im Fluss und die Blume sterben muss…
Die Auswirkungen von Asbest, Quecksilber, Schwermetallen, Feinstaub etc. auf die Luftgüte, Wasserqualität, Bodengesundheit und Lebensmittelsicherheit sind Teil des Allgemeinwissens und müssen nicht mehr erklärt werden. Dennoch werden die Zusammenhänge zwischen Umweltbelastung und Volksgesundheit vom „Krankheitssystem“ ignoriert oder wenigstens bagatellisiert. Erst vor wenigen Tagen hat Kärntens Gesundheitsexperte OA Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. med. Hans-Peter Hutter im ORF erklärt, wir – die Menschen, sollen sich mehr um die Innenraumluft kümmern, weil „man kann sich aufregen über den Straßenverkehr oder was auch immer. Da ist natürlich die Möglichkeiten zu kontrollieren, sagen wir mal, geht gegen Null.“
Die wissenschaftlich gestützte Strategie der Politik, namentlich der Kärntner Politik, ist also klar und firmiert unter der Direktive „Vorsorge“ und „Prävention“. Kümmert euch selber um eure Gesundheit. Das Problem ist allerdings, unter Vorsorge versteht das „Krankheitssystem“, gefährdete Menschen sollen sich so oft als möglich untersuchen lassen. Dadurch werden Erkrankungen zwar möglichst schnell erkannt, aber Ursachen nicht beseitigt. Es steht also nicht das Vermeiden der Krankheitsursachen im Vordergrund, sondern die Früherkennung von Folgewirkungen. Unter Prävention versteht das „Krankheitssystem“, nicht selber rauchen, sondern besser gratis Industrieabgase einatmen. Quecksilber-Fische nur essen, wenn bio draufsteht. Diese Art von Gesundheitspolitik hat auch den Vorteil, man kann die Menschen unabhängig von der politischen Vorsorgepflicht und mit dem Rückhalt medizinischer Experten selber für ihre Gesundheit verantwortlich machen und von der politischen Verantwortung ablenken. Auffällige Erkrankungen und/oder massive Schwächung des Gesundheitssystems durch Umwelteinflüsse sind für unser politisches System nur ein Kollateralschaden und dem notwendigen Wirtschaftsstandort geschuldet. Doch die wahren Kosten dieser Politik stoßen an ihre Grenzen.









