Hersteller empfiehlt ambulante Behandlung für „verhaltensauffällige“ PKWs
„Säugling im Auto gefangen“, „Feuerwehr rettet Kleinking aus versperrtem Auto“. „Eltern in Panik: Baby im PKW eingesperrt“. Solche und ähnliche Schlagzeilen kann man in den Sommermonaten häufig und jedes Jahr lesen. 2026 war es nicht anders. Ändern tut das nichts.

Kinder allein im Auto sitzen zu lassen, wenn man nur geschwind etwas zu erledigen hat, ist generell keine gute Idee. Man muss nämlich damit rechnen, dass auch PKWs und nicht nur Menschen an einer Störung des Sozialverhaltens leiden können. Bei großer Hitze, wie wir das heuer monatelang erlebt haben, wird diese Störung für PKW-Insassen lebensbedrohlich. Aber schon bei „normalen“ Außentemperaturen heizt sich das Wageninnere rasch gefährlich auf. Es gibt im Straßenverkehr Situationen, an die man vielleicht nicht denkt. Man weiß beispielsweise genau, wie man sich zu verhalten hat, wenn plötzlich eine Warnlampe aufleuchtet oder ein akustischer Alarm losgeht. Etwa wenn die Warnung kommt, dass der Kofferraum nicht richtig schließt. Kein Problem, denkt man sich. Kurz anhalten am Straßenrand und schon ist der Kofferraum geschlossen – aber die Fahrertür auch. Man hat nämlich nach dem Aussteigen selbstverständlich die Fahrertür geschlossen, um nicht den fließenden Verkehr zu behindern und zack, nach ein paar Sekunden lässt sich die verdammte Tür nicht mehr öffnen und aus dem Fahrzeugraum schaut das Kleinkind noch freundlich mit großen Augen heraus. Aber in der Sekunde ist die eigene Körpertemperatur schon am Siedepunkt. Man weiß, jetzt wächst die Lebensgefahr für das Kind von Minute zu Minute, weil es heiß ist und das gestörte Sozialverhalten der Fahrzeugtechnik ausgerechnet jetzt beschlossen hat, das Auto zu verriegeln.

In solchen Fällen, die leider nicht selten vorkommen, beschränken sich die Medien auf den Situationsbericht und es scheint, dass dramatische Schlagzeilen durchaus willkommen sind. Am Rande wird noch mehr oder weniger genau der Ablauf geschildert, der zur dramatischen Situation geführt hat und die Helfer, die gottlob rechtzeitig da waren, werden natürlich gelobt. Die detaillierten Ursachen bleiben in den Medienberichten schon auf der Strecke und welche Lehren oder gar Reaktionen das technische Eigenleben der PKWs bei den Behörden ausgelöst hat, bleibt gänzlich unbeachtet. Dafür sind die Warnungen und unterschwelligen Schuldzuweisungen an die Eltern der gefährdeten Kinder durch Polizei und Autofahrer-Clubs umso lauter. ÖAMTC-Technikexperte Steffan Kerbl stellt sogar die Verantwortung des Fahrzeugbesitzers in den Vordergrund: Technik ersetzt niemals die Aufmerksamkeit und Verantwortung (!) von Eltern oder anderen Betreuungspersonen, lässt er aus seiner Expertise wissen. Der ARBÖ stellt gleich die Rechtslage klar und verweist auf das Strafmaß, dass im Fall von fahrlässiger Körperverletzung drohen könnte. Das ist nämlich das „Delikt“, dessen man sich eventuell schuldig machen kann, wenn sich die Fahrzeugtechnik verselbständigt und Insassen gefährdet werden.

Es ist also offensichtlich, Fahrzeughersteller sind zwar grundsätzlich dazu angehalten, „gesunde“ (sichere) Fahrzeuge nach den allgemein gültigen Regeln zu bauen. Tun sie das nicht, oder nicht im ausreichenden Maß, ist der Fahrzeughalter „verantwortlich“. Doch das ist zunächst nur ein Gefühl, dass bei den einschlägigen Berichten zu unkontrollierbarer Fahrzeugelektronik aufkommt. Nachdem es über ein Ereignis hinaus in Österreich offensichtlich niemand interessiert, dass die Fahrzeugelektronik Leben in Gefahr bringen kann, sieht man sich gezwungen, sich selber Klarheit zu verschaffen. Eine konkrete Anfrage bei OPEL, unter Hinweis auf die dramatischen Schlagzeilen, bringt tatsächlich umgehend Aufklärung. Ja, schreibt OPEL, es kann vorkommen, dass sich bei bestimmten Fahrzeugmodellen die Türen unter bestimmten Bedingungen aus Sicherheitsgründen automatisch verriegeln. Das ist aber keine Fehlfunktion, erklärt OPEL ausdrücklich, sondern eine „vorgesehene Fahrzeugfunktion“. Aha. Hier werden also offensichtlich auf der Hersteller Seite alle Vorgaben eingehalten und der Fahrzeughalter ist tatsächlich selber schuld, wenn er einen verhaltensauffälligen PKW kauft. OPEL bietet als europäische Qualitätsmarke aber auch eine Lösung an: Sollte ein Fahrzeug ein „ungewöhnliches Verhalten“ zeigen, dann, so lautet die Hersteller-Empfehlung, möge man das Fahrzeug bei einem autorisierten Vertragspartner überprüfen lassen. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Kundenberatung. Man empfiehlt so quasi eine „ambulante Behandlung“ für verhaltensauffällige, dissoziale PKWs. An dieser Stelle hätte ich zwar noch gerne gewusst, ob man vor dem „Gesundheitscheck“ in der Autowerkstatt das fiebrige Baby aus dem Auto entfernen soll. Denn klar ist, wenn sich das Fahrzeug „ungewöhnlich verhält“, ist es bereits zu spät.

Bild: Peter Baumgartner
Es ist wichtig anzumerken, dass die bisherige Schilderung nichts mit einem anderen Fall zu tun hat, wo es darum geht, dass Kinder oder Tiere im Auto einfach vergessen werden. Das kommt leider auch nicht selten vor, ist tatsächlich sogar tödlich und unter dem Fachbegriff „Forgotten Baby Syndrom“ bekannt. Das kann psychologische Ursachen haben, wenn Eltern zum Beispiel durch großen Stress eingeschränkt fürsorglich reagieren. Es kann aber auch Leichtsinn, Dummheit oder gar kriminelle Energie dahinterstehen. In solchen Situationen trägt der Fahrzeughersteller keine unmittelbare Verantwortung und das Auto könnte völlig „gesund“ sein. Allerdings muss man aber auch anmerken und Hersteller sowie Gesetzgeber in die Pflicht nehmen, weil es bereits technische Sicherheitssysteme gibt die erkennen, wenn sich Kinder oder Tiere bei steigenden Temperaturen im verschlossenen Auto befinden. Typischerweise gibt es diese Warnsysteme nur in hochpreisigen Autos serienmäßig. Käufer, die sich kein teures Auto leisten können, müssen das Sicherheitssystem extra kaufen. Das werden potentielle Kindsmörder ganz bestimmt nicht machen. Daher hätte auch hier Gesetzgeber und Hersteller Handlungsbedarf.

Zusammenfassend kann man feststellen, Auto-Hersteller sind zwar zunehmend an der Datensammlung interessiert und wissen bald jede Vorliebe ihrer Käufer, doch wenn es um die Sicherheit ihrer Kunden geht, besteht noch Nachholbedarf. Der Gesetzgeber steht hier eindeutig auf der Seite der Hersteller. Wie sonst ist es möglich, dass Fahrzeuge zugelassen werden, die eigenständig entscheiden, wann sie wen und wo aus- oder einsperren? Die Vermutung liegt nahe, dass es dieses eigenartige Verständnis von Sicherheit nur gibt, weil sich die Medien nur für „blutrünstige“ Schlagzeilen interessieren und darüber hinaus „unabhängiger“ Journalismus keinen Ärger mit der Fahrzeugindustrie braucht. Vor diesem Hintergrund wird bereits das Roboter-Auto heftig beworben und man kann sich mit etwas Phantasie leicht ausmalen was passiert, wenn der Roboter am Lenkrad an einer Störung des Sozialverhaltens leidet.






