„Gesunde Gemeinde“ trotz 380 kV-Leitung?

Seit 2002 zeichnet die Kärntner Landesregierung Gemeinden aus, die sich aktiv für die Gesundheit ihrer Bürger einsetzen. Mittlerweile haben bereits 125 von 132 Gemeinden die „Taferl-Auszeichnung“ erhalten.

HiAP Rabattmarkerlkarte

Die amtliche Zuschreibung „Gesunde Gemeinde“, wird in ganz Österreich bereits von zahlreichen Verwaltungen vergeben und gefördert. Es gehört praktisch zum guten Ton in Österreich, als „Gesunde Gemeinde“ ausgezeichnet zu werden. Bewerben können sich dazu alle Kommunen, wenn es einen Gemeinderatsbeschluss dafür gibt und die Absicht besteht, gesundheitsbezogene Themen zu bearbeiten. Ausgewiesenes Ziel der Aktion ist in Kärnten eine Zunahme der Lebensqualität für die Bevölkerung, auf die alle Maßnahmen abzielen sollen. Dazu gehört auch das seelische Wohlbefinden. Sichtbares Zeichen dafür ist beispielsweise das „Kärntner Bündnis gegen Depression“, womit in den „Gesunden Gemeinden“ ein Schwerpunkt gesetzt wurde. Das Zusatztaferl „Gesunde Gemeinde“ an der Ortstafel bedeutet allerdings noch nicht, dass die Gemeinde gesund ist und schon gar nicht, dass dessen Bürgerinnen und Bürger vor Erkrankungen durch die Gemeindepolitik geschützt werden.

Bild: Peter Baumgartner

Das genaue Gegenteil ist leider oft der Fall, denkt man daran, dass Lärm, Industrieabgase, Verkehr usw. im Ranking selbstverständlich vor den Bürgerbefindlichkeiten rangieren. Lebensqualität ist nur dann ein Thema, wenn sie dem Wirtschaftsstandort nicht im Wege steht. Daran ändert auch die „Schönheit“ der Verfassung nichts. Für den Wirtschaftslandesrat Schuschnig zählt ausschließlich sein „Wissen“ – die „Meinung“ der Bürger steht für ihn nicht zur Debatte (LRG-Enquete 12.12.2025). Im Grunde genommen ist es die Aufgabe und das Ziel der „Gesunden Gemeinde“, Bürgerinnen und Bürgern unmissverständlich daran zu erinnern, dass sie für ihre Gesundheit gefälligst selbst sorgen müssen. Allenfalls wird beim Erwerb der „Gesundheitskompetenz“ geholfen, so heißt der Euphemismus für „kümmere Dich um Deinen eigenen Dreck“. In letzter Konsequenz müsste sonst eine Gemeindeführung zur Abwanderung empfehlen, wenn sich herausstellt, dass die Wohnumgebung Umweltängste schürt oder tatsächlich krank macht. Das wird natürlich kein Gemeindevorstand machen, doch die unbestechliche Künstliche Intelligenz kennt da keine noblen Vorbehalte.

Rechercheergebnis der „Initiative Zukunft Görtschitztal“ aus den 48. Hofgesprächen am 21. August 2026
Folie: IZG, Bild: Peter Baumgartner

Nun wurde in der WANDZEITUNG schon mehrfach die „Rabattmarkerlkarte“ publiziert, wo neben persönlichen „Bemühungen“ auch externe Faktoren summiert werden, die nach der Darstellung des ex-Gesundheitsministers Franz Kreuzer, zu schwerer Erkrankung beitragen können. Im Hinblick auf den geplanten Netzausbau in Kärnten/Osttirol durch eine 193 Kilometer lange 380 kV-Leitung stellt sich nicht nur die Frage der Finanzierung, sondern ob man wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Gesundheitsfolgen, vielleicht ein neues Markerl in die Rabattkarte picken muss. Von der Hochspannungsleitung sind in Kärnten nicht weniger als 36 „gesunde“ Gemeinden betroffen. Abgesehen von den unstrittigen Umweltauswirkungen durch den Flächenbedarf, Rodungen und Bodenversiegelung, werden auch tatsächliche und vermeintliche Gesundheitsgefährdungen befürchtet. Strahlenschutzexperten stellen unmissverständlich klar, dass elektrische oder magnetische Felder auf den menschlichen Körper einwirken. Neben einem möglicherweise erhöhten Risiko für Leukämie bei Kindern, wird auch ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen des Nervensystems bei einer Exposition mit starken niederfrequenten Feldern diskutiert. Was das seelische Wohlbefinden betrifft, um die sich eine „Gesunde Gemeinde“ angeblich besonders kümmert, ist das Krankheitsbild im Zusammenhang mit Toxikopie ein zentrales Thema. Eine Toxikopie zeigt das identische Krankheitsbild von tatsächlichen Erkrankungen, obwohl noch gar keine manifeste Erkrankung vorliegt. Dieser vermeintliche Widerspruch ergibt sich daraus, dass allein das Vorhandensein von potentiell gefährlichen Umwelteinflüssen, seelisch krank macht. Der Tiroler Umweltmediziner Walter Kofler hat an internationalen Forschungen betreffend gesundheitliche Auswirkungen von Umweltängsten gearbeitet und Toxikopie in manifesten Symptomen nachgewiesen, wie sie typisch als Stressreaktionen bekannt sind. Umweltbeeinflusste Gesundheitsbeeinträchtigungen bringen eine lange Krankheitsgeschichte ohne abschließende Diagnose mit sich und sind entsprechend kostenintensiv. Dennoch wird es vom „Krankheitssystem“ in Österreich nicht thematisiert, weil „One Health“ in der Gesundheitspolitik noch nicht angekommen ist.

Dass die Angst als politisches Machtinstrument auch in Demokratien gezielt eingesetzt wird, ist leider Tatsache. Doch bereits Kinder mit Umweltangst zu erziehen, ihnen damit die Zukunft zu stehlen, gleicht einer mittelalterlichen Folter und diese „Folterknechte“ müssen zur Verantwortung gezogen werden. Bild: Bürgerinitiative Lienen-Hagen 380 kV-Freileitung

Hochspannungs-Netzbetreiber behaupten gestützt auf Gutachten regelmäßig, elektromagnetische Felder sind Bestandteil unserer Umwelt und Grenzwerte sorgen dafür, dass Hochspannungsleitungen für den Menschen unbedenklich sind. Gerichte folgen regelmäßig dieser Meinung und räumen gegenteilige Einwendungen vom Tisch. Bei der hart umkämpften 380 kV-Salzburgleitung stellte das Gericht schließlich fest, dass das Projekt „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als nicht gefährlich zu beurteilen sei und keine Gefahr für die Gesundheit der nächsten Anrainer zu befürchten ist.“ Nicht anders war es bei der ebenfalls umkämpften 380 kV-Steiermarkleitung, wo das Gericht schlussendlich urteilte, dass „das Vorhaben zu keinen Gesundheitsgefährdungen oder wesentlichen Störungen des Wohlbefindens durch elektromagnetische Felder führen wird.“ Beschwerden, die regelmäßig auf bereits erkennbare oder zu erwartbare Toxikopie hindeuteten, wurden immer konsequent ignoriert. Mehr noch, Gerichte zweifeln die von Bürgern eingebrachten Gutachten an und argumentieren damit, dass sie selbst dann „nicht auf gleicher fachlicher Ebene entgegnen“, wenn ausgewiesene Experten im Auftrag von Bürgerinitiativen ihr Gutachten abgeben. Die „Gesunde Gemeinde“ stellt sich da in der Regel nur in Ausnahmefällen hinter ihre Bürger. Petitionen, Bürgerinitiativen und Volksbefragungen sind für die „Gesunde Gemeinde“ kein Anlass, für die Lebensqualität ihrer Bürger einzutreten. Einen „Gesundheitspreis“ bekommt betreutes Bewegen im Park – Bürgerinitiativen im Einsatz für die Gesundheit aller Gemeindebürger bekommen die Rote Karte.

„Wie könnt ihr es wagen!?“ Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg wurde inzwischen von den Medien erfolgreich „abgeschrieben“. Doch ihre emotionale Rede am Climate Action Summit am 23. September 2019 in New York, bleibt als Dokument erhalten. Quelle: UN WebTV  https://webtv.un.org/en/asset/k15/k15hgp38xd

Die Tatsache, dass Menschen wegen des Verdachts einer Umwelterkrankung zum Arzt gehen, ist schon sehr lange bekannt und die Umweltangst ist ein unbestrittenes und wachsendes Problem der Gesellschaft – insbesondere bei jungen Menschen. Die Angst manifestiert sich in Gefühlen der Machtlosigkeit, Traurigkeit und Verzweiflung. Daraus resultieren Depression und Angststörungen. Als Reaktion darauf, hat sich schon in den 80er Jahren im Gesundheitswesen das Fachgebiet Umweltmedizin etabliert. Mittlerweile dürfte es selbst für einfältige Menschen erkennbar sein, dass Umweltbelastungen unabhängig vom Gefährdungspotential, denen die Bevölkerung unfreiwillig ausgesetzt ist, Befindlichkeitsstörungen verursachen und krank machen kann. Trotzdem wird es beispielsweise bei der Abwägung zum Immissionsminimierungsgebot konsequent ignoriert. Das Ursachenspektrum ist aber bekanntlich vielfältig und reicht von Luftschadstoffen über Verkehrslärm, Schadstoffe im Trinkwasser und Nahrungsmittel bis hin zu schädlichen Innenraumbelastungen. Ein zentrales Problem ist die Kombinationswirkung mehrerer Gefährdungen. Da „Elektrosmog“ ebenfalls ein gesundheitliches Gefährdungspotential darstellt, herrscht mittlerweile wissenschaftliche Einigkeit darüber, dass insbesondere Kinder eine gewisse Risikoerhöhung für Leukämie haben, wenn sie unter dem Einfluss von Hochspannungsleitungen stehen.

Markerl für 380 kV-Hochspannungsleitung eingeklebt. Bild: Peter Baumgartner

Es bleibt also gar keine Wahl. Wir müssen die Rabattmarkerlkarte durch das Markerl „380 kV-Hochspannungsleitung“ ergänzen und ein weiteres Versagen der Idee von der „Gesunden Gemeinde“ zur Kenntnis nehmen. Sich mit der politischen Ignoranz abzufinden, ist jedoch keine Option. Neueste Studien zeigen, dass die Umweltangst gerade unter der jungen Bevölkerung stark wächst. UNICEF erklärt, dass die Umweltangst nicht allein durch Traurigkeit und Wut über den Zustand der Erde genährt wird. Es ist auch die Reaktion darauf, dass Personen, die die Macht haben um das Schlimmste zu verhindern, genau das Gegenteil davon machen. Sie leugnen, verharmlosen und ignorieren die Umweltgefahren und gefährden somit die Zukunft junger Menschen. Wie viele Markerl müssen wir noch in unsere Rabattmarkerlkarte picken, bis die Schuschnigs in diesem Land von der Entscheidungsebene verschwinden?

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