Deutungshoheit begründet die Medienmacht

Tatsächlich würde eine Zeitung ohne Meinungsmacher ziemlich leer ausschauen. Doch wer braucht Meinungsmacher? Als Idee für ein neues Zeitungsprojekt, könnte der Titel MEINUNG durchaus vielversprechend sein. Noch nie wurde uns von den Medien so viel Meinung verkauft, wie gerade jetzt. Was wir jetzt erleben, ist der Kampf um das Meinungsmonopol.

Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) hat anlässlich der Einstellung der Wiener Zeitung mit Vakatseiten (leere Seiten) reagiert, weil er die „Meinungsvielfalt“ bedroht sah. Aber es geht den Medien nicht um Vielfalt, sondern um die Deutungshoheit.  
Bild: Peter Baumgartner

Die Betonung liegt auf „Meinung verkaufen“. Man fragt sich beim Konsumieren der Medien sehr oft, wie kommen diese meist völlig unbekannten Leute auf die Idee, dass man ihre Meinung kaufen möchte? Außer dem Namen wissen wir nichts über sie und dennoch sollen wir ihrer Meinung folgen und dafür auch noch zahlen. Die Frage ist natürlich naiv. Der Sinn eines medialen Engagements, der Grund, warum man in das Medien-Business investiert, ist nicht um damit Gewinn zu machen, sondern um Meinungen unter die Leute zu bringen. Also eine Plattform für Meinungsmacher anzubieten. Doch kein Medienkonsument würde auf die Idee kommen, für die Meinung eines Journalisten XY etwas zu bezahlen. Deshalb verpackt man die Meinungen in mehr oder weniger wichtige Information, für die das Zielpublikum bereit ist zu zahlen. Weil das nicht reicht, um jedes Medium umgehend vor dem Konkurs zu retten, gibt es die Medienförderung. Quasi eine staatliche Beihilfe zur Verblödung. Das erklärt auch, warum die Medien mit dem meisten Meinungsangebot die üppigsten Medienförderungen kassieren. Medienkonsumenten zahlen also mehrfach und wer nicht konsumiert, zahlt zumindest über seinen Steuerbeitrag. Es gibt also kein Entrinnen. ORF-General Roland Weißmann hat das so auf den Punkt gebracht: „Sie werden zahlen. Sie werden zwar murren, aber sie werden zahlen.“ Übrigens ein typisch österreichisches, gewachsenes Wirtschaftssystem – über Zwangsmitgliedschaften und Selbstverwaltungsorganisationen ist quasi die ganze Nation „Mitglied“ und damit „beitragspflichtig“. Ein System, das die NEOS in ihrem Wah(l)nprogramm sogar noch ausbauen möchten. Die Pinken träumen von goldenen Zeiten für die Wirtschaft, wenn die Pflichtversicherung gegen eine Versicherungspflicht ausgetauscht wird. Mit ein wenig Phantasie kann man sich die ungeahnten Geschäftsmöglichkeiten ausmalen.

Die Medien haben wie gesagt, dieses System bereits perfektioniert. Journalisten stellen keine Fragen, sie „informieren“. Zeitungen sprechen. Man kann es überall nachlesen: Die Krone hat gesagt, der Kurier hat geschrieben, laut Presse ist… Jede Zeitung sagt über sich und andere, dass sie etwas gesagt haben. Doch Zeitungen sprechen nicht. Sie liegen nur faul herum und landen irgendwann im Müll oder im Kamin. Früher, als es Cosy noch nicht gab, endeten Meinungen wenigstens adäquat.

Würde man bei jeder Zeitung Meinungsführer ausschließen und die Meinungen herausschneiden, es blieben viele Vakatseiten übrig.

Um nicht missverstanden zu werden, selbstverständlich darf jeder eine Meinung haben und diese auch äußern. Man soll seine Meinung auch ändern dürfen. Schließlich ist der Kopf rund, damit die Gedanken die Richtung leichter ändern können. Es soll auch nicht verboten werden, Meinungen zu verkaufen und zu kaufen. Es sollte nur nicht in Zwangsbeglückung enden. Und natürlich können Meinungen die auf Wissen aufbauen auch sehr informativ sein. Wenn anerkannte Experten, wie zum Beispiel Niki Popper wissenspassiert sagt, was er vor dem Hintergrund seiner statistischen Analysen von der Politik hält, dann ist das durchaus ein Zugewinn an Information. Oft verstecken sich hinter dem Titel Journalist aber nur Meinungsmacher, die mit dem Journalismus höchstens die Sprache gemeinsam haben. Deshalb sind auch nur Zeitungen und nicht alle Journalisten Mitglied beim Selbstkontrollgremium Presserat. Das würde ungschaut zu einer Halbierung der Anzahl an Journalisten führen.

Kennen Sie Hanna Kordik? Wahrscheinlich nicht. Das ist auch keine Wissenslücke. Die Frau folgt einem Journalisten, der über zu viel eigene Meinung gestolpert ist – und sie entwickelt sich zu einer würdigen Nachfolgerin. Andreas Bablers Performance im Sommergespräch hat sie analysiert und „verwundert“ festgestellt, dass der Parteichef innerparteiliche Angelegenheiten stark thematisierte. Ihrer Meinung nach hat er sich dadurch die Möglichkeit genommen, die Zeit für „Zukunftsthemen“ zu nutzen. „Es hat ihm gutgetan“ die eigene Partei abzuwatschen, diagnostizierte die Expertin. Allerdings stellte sich für sie die Frage, was das den Wählern nützt, wenn sich der Parteichef derart „Erleichterung“ verschafft. Kordik kritisierte, dass Babler in Wirklichkeit Informationen zum Wahlprogramm schuldig geblieben ist. Ein sehr aufschlussreicher Medienzugang zur Frage, was interessiert die Wähler überhaupt? Was ist für die Wähler in einem Wahlkampf wichtig? Um welche Themen soll/muss es im Wahlkampf gehen? Wer bestimmt die Themen? Tatsächlich gibt es ja eine „Meinungsforschung“, die vorgibt zu wissen, wie der Hase läuft. Manche Medien sind auch dafür bekannt, dass nur sie glauben zu wissen, womit sich die Wähler beschäftigen sollen. Auffällig zufällig finden genau in solchen Medien dann die öffentlichen Hinrichtungen derer statt, die eigene Themen setzen wollen. Frau Kordik glaubt jedenfalls zu wissen, dass der Zustand einer Partei, ihre Struktur, ihre Kompetenz und ja, auch ihr demokratischer Umgang mit innerparteilichen Angelegenheiten, dass all das für Wähler nicht so wichtig sei. Da liegt die Medienexpertin mit ihrer Meinung aber falsch. Tatsache ist doch, Herr Babler kann, egal ob man sein Parteiprogramm richtig oder falsch bewertet, brausen gehen, wenn der Sauhaufen hinter ihm in eine andere Richtung rudert. Bablers Wahlthemen sind quasi obsolet, wenn er die Partei nicht auf Kurs bringen kann. Abgesehen davon, dass Bablers Kritik an der eigenen Partei durchaus den Tatsachen entspricht, so weit ich das zu beurteilen vermag (aussitzen, durchtauchen, Machtmissbrauch, Statusdünkel etc.), selbstverständlich ist jedes Parteiprogramm nur so gut, wie die Partei die dahinter steht. Insofern steht, wenn man so will, das wahre Bild einer Partei über den Dingen. Wenn das für potentielle Wähler „nicht relevant“ sein sollte, dann könnte man sich glücklich schätzen, wenn man diese Meinung nicht kaufen müsste.

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