Das große Fressen

Österreich hat eine Strategie zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und will sich dabei an die Gesundheit von Mensch und Tier orientieren. 2026 soll diese Strategie evaluiert werden und wie es ausschaut, liegen wir meilenweit von den Zielvorgaben entfernt. Dabei sind die zentralen Fragen noch gar nicht gestellt.

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Die antike Tischsitte, den Teller nicht leer zu essen, damit etwas für die Sklaven übrigbleibt, steckt heute vielleicht noch immer tief in den Genen der Tischkultur von Bobostan. Nur sind es heute nicht mehr unmittelbar die Sklaven, die mitverköstigt werden, sondern „armutsbetroffene Menschen“, wie es umgangssprachlich heißt. Es gehört aber nicht mehr zu den guten Tischsitten, einen Anstandsrest am Teller zu belassen. Vielmehr wird das heute als „Lebensmittel Vergeudung im Haushalt“ und „Verschwendung“ abgestraft. Nach neuesten Zahlen gehen in Österreich jedes Jahr 1,2 Mio. Tonnen Lebensmittelabfälle „verloren“. Dennoch bleibt viel für die „Sklaven“ übrig. Die werden aber von der Caritas und anderen sozialen Organisationen verköstigt.

Der „Tag der Lebensmittelrettung“ (26.5.) ist immer dieser Erinnerungskultur gewidmet. Einerseits wird daran erinnert, dass viele Lebensmittel vergeudet werden und anderseits ist es für den Handel eine gute Gelegenheit, seinerseits auf die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung hinzuweisen, die sie für die Gesellschaft leistet. REWE Group hat beispielsweise im letzten Jahr 25 Mio. Mahlzeiten an „Sklaven“ gespendet. Wohlwollend werden diese Taten von den Medien aufgegriffen und gleichzeitig die Vergeudung als „ethisch unverantwortlich“ gegeißelt. Die Schlagzeilen nehmen vordergründig zunächst immer die Konsumenten in die Pflicht. Erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, die Lebensmittelvergeudung hat viele Väter.

Zum Beispiel Produzenten, die Müll erzeugen und Lebensmittel drauf schreiben. Kaum jemand macht sich aber grundsätzlich über den Begriff „Lebensmittel“ Gedanken. Eine Ausnahme ist Valerie Krb, die im Kurier titelt, „Die Verunsicherung isst mit“ und dabei den Verein „Foodwatch“ zitiert, der laufend Lebensmittel anprangert, die diese Zuschreibung keineswegs verdienen und die man schon aus ökonomischen Gründen auch „Sklaven“ nicht zumuten sollte.

Grafik: Die Antibiotikaresistenz bei häufig vorkommenden lebensmittelbedingten Bakterien ist hoch und zunehmend gefährlich.

Intransparente Kennzeichnung, Mikroplastik in der Babynahrung, Pestizidrückstände, PFAS, HCB/Quecksilber-Fisch, Zuckerbomben und Salzgranaten, Arsen im Reis, Molybdän und Vanadium im Lebensmittel, gepantschter Honig, Antibiotika in Fleischprodukten, vergammeltes Kebab Fleisch, verseuchter Käse usw. Die Liste liest sich wie die Zutaten aus dem Hexenkessel und teilweise werden auch die Opfer bemitleidet. Der bodenständige Bäckermeister Josef Weghaupt von „Josef Brot“ behauptet in Bezug auf die Backwaren, Österreich hat gar keinen Konsumentenschutz, sondern eine „Konsumentenverarsche“. Medfluencerin Julia Fischer warnt, dass die gesundheitlichen Risiken durch Lebensmittel stetig zunehmen.

Die Agentur für Ernährung und Gesundheit (AGES) berichtet hingegen unverdrossen, wir haben in Österreich eine sehr hohe Lebensmittelqualität und es wird eh laufend kontrolliert. Dabei führt sie selber und der VKI eine Lebensmittel-Schandtatliste die so lang ist wie Schillers Glocke. Bis 2030 soll die Lebensmittelverschwendung jedenfalls halbiert werden, so lautet das UN-Vorhaben. Vielleicht gelingt es bis dahin auch die Schandtatliste maßgeblich zu reduzieren und eine „gesunde“ Begriffsbestimmung für Lebensmittel zu definieren, denn schlussendlich geht es um den Kumulationseffekt der Grauslichkeiten, der über gesund- oder krank machend entscheidet. Dann können wir endlich die Umweltkosten in den Gesundheitskosten abbilden und eine auf Fakten passierte Gesundheitspolitik anstreben, die nichts mehr mit der Reparaturmedizin zu tun hat.

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