Bischofsweihe mit Dissonanz

Am 24. Jänner 2026 wurde der Weinviertler Pfarrer Josef Grünwidl zum 33. Bischof von Wien geweiht. Der Nachfolger von Kardinal Christoph Schönborn, steht vor großen Herausforderungen innerhalb der Kirche, aber auch vor dem Hintergrund der aktuellen Weltpolitik. Bischof Grünwidl wird die sieben Trompeten von Jericho brauchen, um die Mauern niederzureißen.

Dem Vernehmen nach, dürfte es diesmal äußerst schwierig gewesen sein, das Amt der großen Erzdiözese Wien mit 1000 Kirchen und 1500 kirchlichen Gebäuden zu besetzen. Kardinal Schönborn hat bereits 2019 aus Altersgründen seinen Amtsverzicht angemeldet. Erst Anfang 2025, zu seinem 80. Geburtstag, wurde der Rücktritt von Rom angenommen – aber ohne bereits einen Nachfolger benennen zu können. Josef Grünwidl musste also im Jänner 2025 zunächst interimistisch als Administrator die Leitung der Erzdiözese übernehmen und erklärte sich erst nach langem Zögern und wiederholter Aufforderung bereit, die Nachfolge von Kardinal Schönborn anzutreten. Nur aus dem Willen heraus, für die Kirche immer „verfügbar“ sein zu müssen, wie er selber angemerkt hat. Doch vielleicht wird gerade die pastorale Schlagseite für den obersten Verwalter der Kirche in Wien, künftig der größte Segen für die Diözese sein.

Krieg in Jericho/Franz Georg Hermann-1752
Foto: Andreas Praefcke/Gemeinfrei

Es ist mit der Wahl von Josef Grünwidl eine einzigartige Parallelität in der Kirchengeschichte entstanden. Grünwidl wollte nicht hinein in das Amt und ist schließlich doch den schweren Weg gegangen. Einer seiner Vorgänger, Franz Jachym, wollte ebenfalls keinesfalls seine Bestimmung antreten – und doch ist auch er geblieben. Jachym ist sogar in letzter Minute, erst während seiner Bischofsweihe „geflüchtet“. Noch bevor die Weihe durch Kardinal Innitzer 1950 vollzogen werden konnte, verließ Jachym „mit wehendem Ornat“ den Dom. Vermutlich war das ungewöhnliche Schauspiel kircheninternen Verwerfungen geschuldet. Tatsächlich sollte Jachym ja quasi nur als Beiwagerl oder päpstlicher Aufseher neben Innitzer amtieren. Schließlich hat sich Rom durchgesetzt und Jachym kehrte später zurück. Das Besondere daran ist aber, die Jachym-Ära begann am Ende einer Weltkatastrophe. Grünwidls-Ära beginnt womöglich am Anfang einer Weltkatastrophe. Die Hoffnung ist, dass es bei der Möglichkeitsform bleibt, doch wie hat Liedermacher Reinhard Mey 1997 getextet? „Das Quecksilber fällt, die Zeichen stehen auf Sturm“.

Und an Deck ein betrunkener Kapitän, ein Steuermann der lügt, der Maschinist in dumpfer Lethargie, die Mannschaft lauter meineidige Halunken und ein Funker, der zu feig ist, um SOS zu funken. Das Narrenschiff von Reinhard Mey fährt volle Fahrt auf’s Riff. So ein Narrenschiff, hat man zumindest das Gefühl, ist inzwischen auf vielen Gewässern dieser Erde unterwegs. Unverzagte wie Josef Grünwidl, werden wahrscheinlich eher die Narrenschiff-Version von Udo Jürgens bevorzugen, auf dem es unter der Besatzung noch ein paar Hoffnungsträger gibt. Einer davon, ein Musiker wie Bischof Grünwidl, kennt die Töne, die das Innerste rühren…

Bischof Josef Grünwidl findet den richtigen Ton, doch wird er auch die Zuhörer unter jenen finden müssen, die gerade gegen ihren Machtverlust und gegen den synodalen Weg ankämpfen. 
Bild: Orgel der Stiftskirche St. Georgen/Längsee  | Foto: Peter Baumgartner

Melodiam Die recipite – nehmt Gottes Melodie in Euch auf, lautet der Wahlspruch des neuen Bischofs. Ein Hinweis darauf, dass Grünwidl die Lösung für wahre Herausforderungen zu benennen weiß. Auch innerhalb der Kirche wird es diese Melodie brauchen. Zu oft unterbrechen Misstöne die Harmonie und Dissonanz bestimmt den Wiedererkennungswert der Kirche. Schon 2006 wurde die Pfarrer-Initiative Österreich mit dem ehemaligen Caritas-Direktor Helmut Schüller an der Spitze gegründet. 2011 wurde daraus ein „Aufruf zum Ungehorsamkeit“.

Heute wirbt die Bewegung, mit 350 Mitglieder in der römisch-katholischen Amtskirche und mit 3.400 Laien, noch immer für ihre Anliegen. Tatsächlich soll die „Ungehorsamkeit“ die Kirche von innen heraus stärken und nicht schwächen. Für Kardinal Schönborn war diese „Ungehorsamkeit“ jedoch Anlass genug, einen verlässlichen und absolut kirchentreuen Dechant zu feuern (2012). Rom ließ sich sogar dazu hinreißen, Helmut Schüller den päpstlichen Ehrentitel Monsignore abzuerkennen. Für den neuen Bischof Grünwidl ist Ungehorsamkeit kein Widerspruch zur Gehorsamkeit, wenn dabei offene Konflikte klar angesprochen und diskutiert werden.

Das verspricht neue Hoffnung. Immerhin haben wir jetzt gleichzeitig einen unverzagten Bischof Grünwidl in Wien, einen – nach 20 Jahren, noch immer unverdrossenen Kirchenaktivisten Schüller und eine starke feministisch-katholische Frauenbewegung. Gemeinsam könnten sie noch einen Anker setzen. Doch die Kleriker fürchten den Machtverlust, sagt Helmut Schüller, das macht notwendige Reformen (Zölibat, Frauen in der Kirche etc.), für die auch Bischof Grünwidl einsteht, schwer umsetzbar. Das ist aber genau diese giftige Parallelität zwischen Kirche und Politik und der Grund dafür, dass sie die wechselseitige Nestwärme schützen wollen. Das erklärt, warum Zurufe „von unten“ unerwünscht sind, Basisdemokratie in der Kirche genauso unmöglich ist, wie die absolute Informationsfreiheit und Mitsprache in der Politik. Das erklärt auch, warum Kirche und Politik im Vertrauensindex ähnlich tief abgesackt rangieren. Deutlich wird das auch bei der Unterscheidung einerseits zwischen tatsächlichen und Taufschein-Katholiken und anderseits zwischen Wählern und Nichtwählern. Zu viele Menschen können mit der Kirche und mit der Politik nichts mehr anfangen. Trotzdem sind sie (verzweifelte) Christen und Demokraten.

„Wenn Gott Priesterinnen will, dann bekommt er sie“. Davon ist Christine Mayr-Lumetzberger überzeugt. Sie ist seit 2003 exkommunizierte Priesterin und österreichische Bischöfin. Doch das ist nicht das einzige Problem der Amtskirche, denkt man zum Beispiel an die Piusbruderschaft mit ihrer Kirchenzentrale im Zentrum von Wien.
Foto: Peter Baumgartner

Wie scheinheilig die Politik die Kirche für sich instrumentalisiert und wie bereitwillig die Kirche diese Umklammerung zulässt, hat sich jetzt wieder höchst peinlich bei der Bischofswahl gezeigt. Dabei wissen die geistlichen und weltlichen Herrenmenschen spätestens seit Don Camillo und Peppone, dass man unter dem Kreuz keine Politik machen soll. Naturgemäß sind bei der Weihe zum Bischof im Stephansdom auch weltliche Würdenträger zahlreich angetreten.

Die ÖVP-Landeshauptfrau von Niederösterreich Mikl-Leitner und der SPÖ-Wiener Bürgermeister/Landeshauptmann Michael Ludwig, benützten die kirchliche Bühne sogar für ihre eigene Wortspende.  Als die Landeshauptfrau davon sprach, dass Niederösterreich zu seinen christlichen Wurzeln und Verantwortung für die Schwächsten steht, musste Bischof Grünwidl wohl kurz schlucken. Doch er blieb ein freundschaftlicher Don Camillo. Wissend, dass die Politik der ÖVP und ganz besonders die der NÖ-Landeshauptfrau, so gar nicht zur Vorstellung der Kirche von Nächstenliebe und Miteinander passt. Wenn gesunde Menschen Teilzeit arbeiten, ist das „asozial“ richtete Mikl-Leitner Anfang 2025 ihren Untertanen über die Medien aus, wie sie es sich vorstellt, dass man „die Leute von der Straße bringt“.

Jörg Haider hat für seine „ordentliche Beschäftigungspolitik“ noch den Landeshauptmann Sessel räumen müssen. Mikl-Leitner sitzt gerade wegen ihrer „griffigen“ Aussagen fester im Sattel als je zuvor. Natürlich wird die Landeshauptfrau den belasteten Begriff „Asoziale“ kennen und wissen, wie man mit denen im Interesse der Wirtschaft einst umgesprungen ist. Zu fürchten hat sie heute deshalb nichts, weil sich die Kirche wie damals in nobles Schweigen hüllt, wenn die finsteren politischen Aussagen Auferstehung feiern. Für die bestimmende Kirche ist es sowieso egal, wer wo gerade an der Macht ist, weil es ihr von der inneren Einstellung weniger um die Politik, sondern hauptsächlich um Ordnung und Ruhe geht. Deshalb kommen die Orthodoxen mit Putin ebenso klar, wie der Papst mit den Despoten auf der ganzen Welt. Die einen verbreiten Angst und Schrecken, die anderen verkünden Hoffnung auf das Himmelreich.

Die Stimmgabeltherapie ist leider oft völlig nutzlos und bei kirchlichen „Verstimmungen“ durch rechts- oder linkskatholischen Extremismus wirkungslos.
Dissonanz/Villastuck/Franz von Stuck,1910/gemeinfrei

Das ist die Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat. Denkt man an die bisherige christliche Performance von Mikl-Leitner, so hätte sich Erzbischof Grünwidl ihr nur mit einem Knoblauchhalsband nähern dürfen. Man denke nur an ihre „baulichen Maßnahmen“ am steirisch-slowenischen Grenzübergang, die die Caritas an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Oder an ihr Asyl für den Kärntner Bischofsflüchtling, den sie für einen „unglaublich guten Hirten“ hält, der aber nach der Darstellung seiner Gurker Mitbrüder ein „System Schwarz“ in Kärnten hinterlassen hat, dessen Seilschaft aus Politik, Wirtschaft und Medien jahrelang große Probleme produzierte. Insgesamt hat ihre ehemals Christlichsoziale Partei längst allen christlichen Ballast abgeworfen.

Selbst von der „ökosozialen Marktwirtschaft“ im Einklang mit der päpstlichen Umweltenzyklika, ist nur noch die Marktwirtschaft übriggeblieben. Mikl-Leitners „bester Kanzler“ Sebastian Kurz, der übrigens enge wirtschaftliche Beziehung mit dem größten Antichristen der USA pflegt, wusste nach der „inspirierenden“ Audienz mit Papst Franziskus nichts Besseres zu tun, als den heimischen Kirchenvätern das Fürchten zu lehren. „Bitte Vollgas geben“, ordnete er seinem Adlatus im Finanzministerium an und dort saß übrigens ein ÖVP-Finanzminister, der sogar Kartellbruder von Kardinal Schönborn ist. Josef Grünwidl hat Mikl-Leitner zum Schluss ihrer „Ansprache“ eine Stimmgabel geschenkt. Wohl um bei ihr seine Melodie hörbarer zu machen.

Mit dem „Kardinalsschlitten“ hat Bildhauer Jaques Tilly, als Mahnmal für die vertuschten Missbrauchsfälle der Kirche, noch Glück gehabt. In Moskau wird Tilly wegen ähnlicher Kunst gerade der Prozess gemacht.
Foto: Gerald Kern/Kirchenprivilegien Volksbegehren

Wiens Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig stellte bei seiner Ansprache im Stephansdom die Frage, was man aus dem Evangelium über die bedrohliche Bootsfahrt der Jünger mit Jesus lernen könnte. Ludwigs Antwort darauf war, man soll nicht furchtsam sein, wenn es hart herkommt. Mit Mut, Entscheidung, Entschlossenheit und Führungskompetenz lassen sich schwierige Herausforderungen meistern. Dem neuen Wiener Erzbischof traut Ludwig diese Eigenschaften zu und will mit ihm gemeinsam die „Stadt des Miteinanders“ (Ludwig) führen, wo 600.000 Menschen von demokratischen Wahlen ausgeschlossen sind.

Die Äquidistanz zwischen Kirche und Partei bestimmen die Parteien selbst, hat einst Kardinal König erklärt. Manchmal lässt sich aber eine Umarmung von einer Umklammerung kaum unterscheiden und Widerspruch war bei der Feierstimmung im Dom sowieso nicht zu erwarten. Immerhin, der Stephansdom eint kirchliche und weltliche Interessen in der Bundeshauptstadt weit über die Symbolkraft hinaus. Abseits der scheinheilig zur Schau getragenen Miteinander-Vision, ist die „Übereinstimmung“ der politischen SPÖ-Ziele und der Kirche enden wollend. Die SPÖ-Mitglieder in Kärnten zum Beispiel „verschärfen“ gerade den Asyl Kurs. Dabei nähern sie sich mehr und mehr der Regierungslinie an, die die Zahl der Asyl-Werber „auf null“ stellen will.

Praktischerweise sitzt in Brüssel ein ÖVP-Kommissar Brunner, der bereits von einer „bewältigten Flüchtlingskrise“ spricht. Anders sieht es die Katholische Sozialakademie, die darauf hinweist, dass auch Österreich wiederholt gegen die Menschenrechte verstößt. Auch im Österreich-Bericht des Menschenrechtsrats, der im März erwartet wird, sollen Menschenrechtsverletzungen dokumentiert werden. Ein klarer Gegensatz zur kirchlichen Einstellung, ist der uneingeschränkte Schwangerschaftsabbruch für Frauen, der von der SPÖ „aus Prinzip“ gefordert wird. Erst vor wenigen Tagen hat auch der neue Papst Leo XIV. die kirchliche Position dazu erneuert und die Abtreibung als „größten Zerstörer des Friedens“ bezeichnet. Als Vizekanzler Babler im September 2020 noch als Flüchtlings-Bürgermeister von einer Papst-Audienz heimkehrte, sprach er noch von einem „ganz besonderen Lebensmoment“. Die Notwendigkeit eines uneingeschränkten und unumstößlichen Humanismus, hat Babler für sich als Lehrsatz aus Rom mit nach Hause genommen. Viel ist davon in der SPÖ nicht mehr übriggeblieben. Bischof Grünwidl betrachtete es wohl als Notwendigkeit, auch Bürgermeister Ludwig eine Stimmgabel zu überreichen. Doch es ist nicht zu erwarten, dass er sie für eine Klangtherapie zu nützen weiß.

Seit 30 Jahren geht es um gemeinsames Weiterdenken.

Wien und Niederösterreich, dessen politische Führung sich bei der Bischofs-Weihe als christliche Musterknaben/Mädchen darstellten, eint die Negativstatistik, die ihre Bevölkerung beim Kirchenvolks-Begehren 1995, beim Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien 2013 und vielen anderen Gelegenheiten abgeliefert hat. Anders als die politische Führung, hat das Volk ohne Schleimerei mehrfach sehr deutlich seinen Unmut über bestimmte Entwicklungen in der Kirche geäußert und Änderungen gefordert. Die Ratschläge, die der emeritierte Bischof Schönborn seinem Nachfolger mitgegeben hat, sind deshalb gut und richtig: Höre auf die Menschen, die dir unangenehme Nachrichten und keine Schmeichelei geben. Habe ein hörendes Herz für die einfachen Menschen. Den Nächsten sollst du lieben und schätzen. Und die wichtigste Eigenschaft für das verantwortungsvolle Amt als Bischof ist die Weisheit, um das Gute vom Bösen unterscheiden zu können.

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