Aus heiterem Himmel

Nußdorf-Debant ist eine besonders attraktive Wohngemeinde, verkündete der Bürgermeister Andreas Pfurner Osttiroler Gemeinde. „In Nußdorf-Debant lässt es sich besonders angenehm leben. Wir genießen die Ruhe und Beschaulichkeit einer Landgemeinde“, lautet die Außendarstellung der Gemeinde. Tatsächlich, 67% der Gemeindefläche stehen als Teil des Nationalparks Hohe Tauern unter Naturschutz. Man ist als Außenstehender geneigt, dem Gemeindechef zuzustimmen und könnte guten Gewissens hinzufügen, auch das restliche Gemeindegebiet ist ein Bilderbuch. Aber…

Möglicherweise sind aber nicht alle Gemeindebürger von Nußdorf-Debant der Meinung ihres Bürgermeisters. Der hat im Gemeinderat zwar eine satte Mehrheit, aber die letzte Wahlbeteiligung lag im Ort nur bei 53 Prozent. Jedenfalls, in der „beschaulichen Wohngemeinde“ ist ein „Großer“ der österreichischen Müllindustrie angesiedelt. Auf 13 ha beschäftigt sich das Entsorgungsunternehmen mit Sammeln, Transportieren, Handel, Verwertung und Lagerung so ziemlich aller Stoffe, die in der Müllindustrie vorkommen. Vom Hausmüll über medizinische Abfälle, Problemstoffe, Plastik, Welleternit, gefährliche Stoffe, Klärschlamm, Dämmmaterial, Öl und Fett. Die Stoffliste ist lang und die „beschauliche Landgemeinde“ ist unmittelbarer Nachbar des Sammel- und Lagerplatzes. Dennoch lässt es sich gut leben in Nußdorf-Debant, sagt der Bürgermeister – solange nichts passiert.

Quelle: Zillertalfoto/Markus Sporer

In Österreichs Müllbetrieben brennt es allerdings bis zu sechs Mal am Tag. Das ist Alltag, sagt die Präsidentin der österreichischen Entsorgungsbetriebe. Und am Samstag den 28. Juni, hat es auch den Recyclingbetrieb in der „ruhigen Landgemeinde“ erwischt. Wieder muss man sagen, denn das war der 4. Brand in den letzten neun Jahren. Diesmal war es aber besonders heftig. 500 Feuerwehrkräfte kämpften erfolglos gegen den Brand. Man spricht von einem Totalverlust der gesamten Anlage. „Brand aus“ konnte erst am 1. Juli gemeldet werden. Aus heiterem Himmel wurde aus der „attraktiven Wohngemeinde“ ein Katastrophengebiet – weit über die Gemeindegrenzen hinaus. Die Bevölkerung konnte – bei über 30 Grad Hitze – nur noch die Fenster verriegeln und hoffen. Was in der flächendeckend verbreiteten Rauchwolke an Schadstoffen transportiert wurde, wusste zunächst niemand und wurde erst mehrere Stunden nach dem Brandausbruch untersucht, weil es vor Ort keine Dauermessung gibt. Erste Untersuchungsergebnisse lagen am Montag, bzw. der Endbericht erst Donnerstag vor – 5 Tage nach dem Ereignis. Wie zu erwarten, waren alle Messwerte unterhalb der Nachweisgrenze und Grenzwerte. „Keine besondere Gefahrensituation“. Allerdings, dass in der Akutphase „negative Konzentrationen“ vorhanden waren, kann nicht ausgeschlossen werden, steht im Bericht. Die Medien berichteten nahezu wortgleich aus den Presseaussendungen. „Blöde“ Fragen stellte kaum jemand. Nur eine Umweltorganisation wollte wissen, warum die öffentliche Information so schlecht war.

Wobei, so „schlecht“ war die Risikokommunikation gar nicht. „Schon“ am 30.6. meldete sich die Unternehmensleitung mit Bedauern zu Wort und am gleichen Tag wurde sogar Bundesminister Totschnig eingeflogen, damit der sich medienwirksam bei allen Beteiligten für den „mutigen“ Einsatz bedanken konnte. Relativ rasch war auch die vermeintliche Brandursache geklärt. Schon am 1. Juli meldete sich der Verband der Abfallbetriebe VOEB zu Wort, um einmal mehr auf die Gefahren durch falsch entsorgte Lithium-Batterien aufmerksam zu machen. Flugs wurde diese These vom Landeskriminalamt Tirol mit „sehr großer Wahrscheinlichkeit“ als Brandursache in Nußdorf-Debant veröffentlicht. Ein wiederkehrendes Muster, dass man nach Vorfällen immer wieder beobachten kann. Damit ist die Ursachenforschung – zumindest für die Öffentlichkeit, beendet. Unbestritten ist, mit der nahezu flächendeckenden Verwendung von Energiespeichern jeder Art, sind diese Gefahrenquellen natürlich auch in die Hände von Menschen gelangt, die man als „bildungsfern“ einordnen muss. Ihnen schuldhaftes Verhalten vorzuwerfen, dürfte schwer sein. Warum aber eine Politik und Industrie, die tagtäglich mehrfach am gleichen Problem scheitert nicht nachbessert, ist logisch auch nicht erklärbar.

Grundsätzlich steht außer Streit, dass jede Gefahrenquelle ein Risikomanagement braucht und heute eigentlich State of the Art sein sollte. Maßgeblich ist die Risikowahrnehmung und schon dabei liegt der Hund begraben. Die Art und das Ausmaß von Risiken werden nämlich unterschiedlich wahrgenommen. Was für einen Investor fernab einer Störquelle völlig ungefährlich ist, kann für Anrainer zur tödlichen Falle werden. Eine zentrale Rolle bei der Risikoeinschätzung kommt der Zulassungsbehörde zu. Sie entscheidet definitiv über die Risiken für Gesundheit, Vermögen und Umwelt. Risikowahrnehmung hat natürlich sehr viel mit Erfahrung zu tun, die als Voraussetzung angenommen werden darf. Doch das reicht nicht aus. Es braucht auch Bildung, Moral und generell eine gute Erziehung. Menschen die glauben, „es wird schon nichts passieren“ oder dem Gewinn den Vorzug vor dem Risiko einräumen, sind für bestimmte Entscheidungen nicht befähigt. „Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen“, ist ein Naturgesetz (Murphys Gesetz) und über Naturgesetze soll man sich nicht hinwegsetzen – schon gar nicht, wenn man nicht selber die Konsequenzen tragen muss. In totalitären Gesellschaften war und ist es üblich, auf mögliche Risiken zu pfeifen. Für die Ansiedlung von potentiell hohen Gefahrenquellen zählt lediglich die notwendige Verkehrsinfrastruktur, Wasser, billiger Boden und willige Arbeitskräfte. Warum man dieses „Betriebsansiedlungs-Prinzip“ auch in demokratischen und aufgeklärten Ländern noch anwendet, sollte tatsächlich wissenschaftlich erforscht werden. Logisch erklärbar ist es nicht. Wenn zum Beispiel, wie gerade in Osttirol passiert, in einem Bilderbuchtal die Menschen aus „heiterem Himmel“ mit einer Katastrophe konfrontiert sind, muss die Frage gestellt werden, wer hat diesen Standort für so eine weitreichende Gefahrenquelle ausgesucht und warum. Wir sollten aufpassen, dass wir mit dem Staatsziel „Standortpolitik“, nicht das Land nach bester DDR-Manier mit lauter Todesfallen überziehen. Standardformeln wie, „Wir bedauern außerordentlich…, „Unser Dank gilt…“, ist keine Risikokommunikation die den Schluss zulässt, dass Einsicht Platz greift. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass Werte wie Reputation nicht relevant sind und dass man sich allfällige Ansprüche als Geschädigter schon mal abschminken kann.

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