Der Rest ist für Sie!

Im 19. Jahrhundert galt das „Trunkgeld“ als Unsitte. Es soll sogar eine richtige Gegenbewegung gegeben haben. Es war der Adel, dem es zuwider wurde, bei der Abreise allen möglichen Bediensteten Geld geben zu müssen. Um ihren Geiz zu überdecken wurde argumentiert, dass das „Trunkgeld“ Alkoholismus und Prostitution fördert. Lange war das Trinkgeld auch den Gewerkschaften ein Dorn im Auge, weil sie darin eine unzulässige Gunstbezeugung sahen, die auf die Löhne drückte. Trotz aller Widerstände hat sich die ökonomische Unsitte erhalten und wirft sogar neue Probleme auf.

2020, in der Corona-Zeit, einigten sich die Sozialpartner auf einen Zusatzkollektivvertrag für bestimmte Berufsgruppen. Darin enthalten war eine sogenannte „Corona Zulage“. Im Volksmund wurde diese kollektivvertragliche Regelung „Trinkgeldhunderter“ genannt. Für „körpernahe“ Dienstleister sollte damit entgangenes Trinkgeld ersetzt werden. 100 Euro netto im Monat. Argumentiert wurde, dass ja die Unternehmen auch den Verdienstausfall ersetzt bekommen. Folglich muss man auch den Dienstnehmern den Verdienstentgang ersetzen.

In der aktuellen Wut-Debatte um die Besteuerung von Trinkgeld, wollen Politiker und Sozialpartner Trinkgeld nur noch als freiwillige Zuwendung glücklicher Gäste sehen. Trinkgeld ist kein Entgelt, wettert SPÖ Clubchef Seiser im Kärntner Landtag und findet es „unmoralisch“, dafür Abgaben zu verlangen. Die seltene Einigkeit im Landtag gipfelt sogar in einer gemeinsamen Resolution an die Bundesregierung. Fleißige Trinkgeldempfänger dürfen nicht bestraft werden, lautet die Forderung. Warum dann andere fleißige Dienstnehmer nichts bekommen, wird nicht erklärt. Einem fleißigen Beamten Trinkgeld zu geben, hätte sofort den Tatbestand der Bestechung zur Folge. Die Wirtschaft fordert sowieso „Hände weg vom Trinkgeld“ und hat sogar eine österreichweite Petition gestartet. In ihrem Fall ist die Forderung zumindest logisch, denn selbstverständlich ist der Schmattes vielfach ein – wenn nicht überhaupt der einzige Grund, um beispielsweise in der Gastronomie arbeiten zu können. Selbst in der „Nobelgastronomie“ wird mit dem Zusatz, „bei uns werden überdurchschnittliche Trinkgelder bezahlt“ um Mitarbeiter geworben. Muss man wohl auch, wenn man beispielsweise dem Chef de Partie bei Vollzeit inkl. Überstunden gerade mal 2.650.- Euro brutto bieten kann. Es ist also eine faule Ausrede, wenn seitens der Wirtschaft diesbezüglich „Unterstützung“ für die Mitarbeiter demonstriert wird. Überraschend ist hingegen, dass sich im Kärntner Landtag nicht nur die ÖVP, sondern auch die Opposition und sogar die SPÖ für eine steuer- und abgabenfreie Trinkgeldregelung eingesetzt hat. Wissend, dass damit natürlich gewissermaßen auch Pensionsansprüche verknüpft sind und wissend, dass damit die Lohnpolitik einer Branche, die laut AK-Studie 2023 „außerordentlich niedrige“ Löhne zahlt, unterstützt wird, dies weiter zu tun. Anderseits ist es auch wieder nicht überraschend, weil die SPÖ zumindest in Kärnten die bessere Unternehmerpartei ist. Wenigstens hätte man sich mit den Parlamentskollegen in Wien absprechen können, denn dort hat die SPÖ am selben Tag den entsprechenden FPÖ-Trinkgeld-Entschließungsantrag abgelehnt.

Bild: Peter Baumgartner

In der Provinzdebatte geht natürlich wieder unter, dass die Trinkgeld Frage international längst ganz andere Dimensionen erreicht hat, die hierzulande noch unter dem Teppich gehalten werden. Zunehmende Kreditkartenzahlung erschwert nämlich „an der Steuer vorbei“ Trinkgeld als Lohnbestandteil zu zahlen. Außerdem wird es zunehmend transparenter, um welche Summen es sich dabei wirklich handelt. Aktuell gilt in Österreich eine niedrige Trinkgeldpauschale (ca. 40-70 Euro/mtl.), die nur sozialversicherungspflichtig ist. Das bringt der Sozialversicherung „nur“ ca. 9 Mio. Euro. Die Kronen Zeitung hat es bereits als ihren „Erfolg“ verbucht, dass die Sozialversicherung bereit wäre, auf diese Einnahmen zu verzichten. Doch die kann gar nicht darüber entscheiden. Das wird schon der Gesetzgeber machen müssen. Wie die salomonische Lösung ausschauen wird, kann man sich als gelernter Österreicher schon vorstellen. Sicher ist, dass die Wirtschaft weiter mit „bei uns gibt es viel Trinkgeld“, um Mitarbeiter werben darf. Gäste sind und bleiben im Dilemma. Sie müssen sich bewusst machen, dass sie mit ihrer Dankbarkeit, Großzügigkeit oder was immer auch sie zum Schmattes motiviert, moderne Sklaverei fördern.

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